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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 309
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die griechischen Buchstaben

Die erste und vielleicht die größte künstlerische Leistung, die die Griechen vollbracht haben, ist ihre Sprache. Es ist sehr bezeichnend, daß »Barbar« ursprünglich »Laller« bedeutet: das Wort ahmt tonmalend das mißtönige Gekreisch der Fremdvölker nach, zu denen Makedonen und Römer zunächst ganz ebenso gehörten wie Afrikaner und Asiaten. Allmählich wurde das Barbarentum zu einem bloßen Kulturbegriff: wer griechisch redete und dachte, war kein Barbar mehr. Dies taten aber bekanntlich fast alle herrschenden Völker der späteren Antike: besonders die Römer wurden geradezu ein zweisprachiges Volk. Das Griechische war im Altertum eine noch viel größere Macht als das Französische im achtzehnten Jahrhundert, da es nicht, wie dieses, andere Sprachen und Literaturen als schwächere, aber ebenso entwicklungsfähige Konkurrenten neben sich hatte.

Was zunächst das Griechische über alle anderen Sprachen (das Italienische vielleicht ausgenommen) weit erhebt, ist seine Musikalität, eine Folge seines Reichtums an wohlklingenden Vokalen und Diphthongen und seines Mangels an harten Verbindungen und gehäuften Konsonanten. Ihre Schrift haben die Griechen nicht selbst erfunden, sondern aus den nordsemitischen Konsonantenzeichen entwickelt, indem sie nur die vier letzten Buchstaben des Alphabets: Phi, Chi, Psi, Omega, neu hinzufügten; aber ihre große Tat bestand darin, daß sie einem Teil der Zeichen die Bedeutung von Vokalen gaben. Hierdurch wurde ihre Schreibe erst im wahren Sinne des Wortes artikuliert und der Barbarei des Orients entrungen, dessen Griffel nur zu stammeln vermag. Doch geschah dies kaum vor Beginn des siebenten vorchristlichen Jahrhunderts; nicht nur die mykenische Heldenzeit, von der Homer sang, sondern auch die um so vieles jüngere Adelsgesellschaft, für die er sang, war noch analphabetisch. Von da an verbreitete sich die Schrift aber ziemlich rasch. Es gab wohl zunächst noch mnemones, Merker, 627 für Rechnungen, Quittungen und Verträge, aber um 600 finden sich bereits allenthalben Inschriften: auf Vasenbildern, Grabmälern, Weihgeschenken, sogar auf Bildsäulen im nubischen Abu Simbel, und von der Hand griechischer Söldner, die doch wohl kaum zur Elite der Bildung zählten. Aber die griechische Schrift, die auf den heutigen Schulen angewendet wird, ist ein spätes Produkt: Bis in die Alexandrinerzeit bediente man sich ausschließlich der großen Buchstaben, der »Majuskeln«.

Das Griechische hat bekanntlich für E und O je zwei Zeichen: Epsilon und Eta, Omikron und Omega. Eta und Omega bezeichneten die Länge, aber dies war nicht ihre Hauptbedeutung, denn dann hätte man auch für langes Alpha, Jota, Ypsilon eigene Buchstaben schaffen müssen; vielmehr gaben sie in erster Linie den offenen Laut an. Die scharfe Unterscheidung der offenen und geschlossenen Vokale bildet auch bei den noch heute lebenden Sprachen für den Anfänger eine der Hauptschwierigkeiten. Das Deutsche, Französische und Italienische haben das geschlossene e lang und kurz, zum Beispiel in Tee, thé, tela und Theater, théâtre, teatro, das offene lang in: Ähre, air, era; hingegen findet sich das kurze offene e nur im Französischen und Italienischen (vertu, verticale), im Deutschen nicht oder doch nur in annähernd ähnlicher Form, nämlich halblang und nicht so offen in Worten wie Werder, werben, Erbe. Das lange geschlossene und das kurze offene o haben alle drei Sprachen: Rose, rose, rosa; Torte, tortue, torta; das kurze geschlossene o fehlt in allen dreien. Das lange offene o findet sich in den beiden romanischen Sprachen sehr häufig, zum Beispiel in tort und toro, encore und ora; dem Deutschen ist es ein fremder Laut. Rosa, die Rose, wird im Italienischen mit offenem o gesprochen, ebenso im Spanischen, wo außerdem noch das s scharf ist. Auch das Englische besitzt ein offenes langes o (horse), doch gleitet dessen Aussprache, wie dies der britischen Zunge entspricht, ein wenig nach a hinüber. Ähnlich verhält es 628 sich mit dem langen offenen ö, das im Deutschen unbekannt, aber im Englischen (girl, wiederum etwas nach a hin), Französischen (cœur) und Schwedischen (för, für, förr, früher) sehr gewöhnlich ist. Und solche lange offene Laute waren auch Eta und Omega. Eine der umstrittensten Fragen bildet die Aussprache des Zeta. Keinesfalls wurde es wie unser Z-Laut als ts gesprochen, sondern entweder wie der italienische, als ds (zelo) oder, wie der französische, als weiches s (zéro). Wahrscheinlich ist beides richtig, indem etwa bis zur Alexandrinerzeit das erstere, später das letztere üblich war. Ursprünglich war Zeta so gar vermutlich das Zeichen für den Doppelkonsonanten sd, was dadurch nahegelegt wird, daß Formen wie Athenaze, thyraze offenbar aus Athenasde, thyrasde entstanden sind und daß in fremden Namen sd mit Zeta transkribiert wird (zum Beispiel Auramazda als Oromazes). In der hellenistischen Zeit wurde bei allen semitischen Namen der Buchstabe Sain, der ein einfaches s ist, mit z wiedergegeben, woher es kommt, daß auch wir noch Zion, Gaza, Zacharias, Genezareth schreiben.

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