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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 308
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Schein des Scheins

Aber wir müssen schon wieder etwas zurücknehmen. Die Griechen waren keine Materialisten, denn sie betrachteten das ganze Leben als Spiel. Dies verdient eine kurze Betrachtung, denn es ist der Hauptgrund, warum wir in ihnen das Genie unter den Völkern erblicken müssen. Wir erkannten im vorigen Bande als einen Grundzug des Ägypters seine Verspieltheit; aber der Ägypter spielte als Kind, der Grieche als Künstler. Der Unterschied des Künstlers von den übrigen Menschen besteht darin, daß er die Dinge nicht auf ihre Nützlichkeit hin ansieht, sondern auf ihr Wesen. Er fragt nicht: was sind sie für mich, sondern: was sind sie für sich? Daher kann und muß er stets Neues entdecken. Denn was wir Nützlichkeit nennen, ist, 625 was die Art will, das ewig Gleiche; das Geheimnis jeder gottgeschaffenen Kreatur aber ist ihre Einmaligkeit. Der »praktische« Mensch ist dazu verurteilt, sein Leben lang nur jene Ausschnitte der Wirklichkeit zu erblicken, die ihm förderlich sind; der Künstler hingegen betrachtet die Welt, als ob sie völlig unnütz wäre: daher vermag er ihre Totalität zu erfassen. Diesen Tatbestand hat der jugendliche Schiller in die unsterblichen Worte zusammengefaßt: »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Von hier aus empfängt auch die Sage vom Urteil des Paris einen tieferen Sinn. Gleich ihm hatten die Hellenen sich zu entscheiden zwischen den Gaben der Hera, der Athene und der Aphrodite. Sie hätten, wenn sie nur gewollt hätten, geeint die Herrschaft über die Welt erringen können: weder Karthago noch Persien, die beiden einzigen ernsthaften Gegner, hätten dies zu verhindern vermocht. Sie hätten aber auch, wenn sie ihre Kräfte auf diesen einen Punkt gesammelt hätten, bei ihrer großartigen Fähigkeit der Anschauung die tiefsten Blicke hinter die Welt tun und die höchste Weisheit erlangen können. Aber sie taten wie Paris, der die Schönheit wählte und sogar nur deren Trugbild, denn die echte Helena war ja in Ägypten. Und doch hatten sie wahrscheinlich recht, wenn sie diesen Schein des Scheins allem andern vorzogen. Dies meinte Nietzsche, als er sagte: Sie waren oberflächlich aus Tiefe.

Das Genie sieht die Welt als Schauspiel; aber es ist auch ein Schauspiel. Die Hellenen sind das reichste und vorbildlichste, ergreifendste und farbigste Schauspiel der Welt, und diese ist ihr ewiges und wechselndes, kritisches und dankbares Publikum. Gerade ihr Reichtum an Kontrasten und Widersprüchen verleiht den Griechen ihren Dauerglanz: Sie sind paradox wie das Leben selbst, rund und komplett wie unsterbliche Theaterfiguren, an denen nichts Einseitiges oder Überladenes, Mattes oder Grobes, Verschwommenes oder Verzeichnetes den Blick stört. 626

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