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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 307
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der griechische Individualismus

Sie haben die Natur überhaupt nur sehr obenhin erforscht und von ihr gar keinen rechten Begriff gehabt. Man hat sie daher des öftern geradezu als »unwissenschaftlich« bezeichnet. In der Tat hatten sie vor jeder Art von Experiment eine merkwürdige Scheu, und daher sind ganze große Gebiete des exakten Wissens, wie zum Beispiel die Chemie, von ihnen fast völlig ignoriert worden. Meinungen hatten für sie stets einen größeren Reiz als Erfahrungen. In ihren technischen Leistungen standen sie nicht nur hinter den modernen Völkern, sondern auch hinter den Ägyptern, den Babyloniern und sogar ihren eigenen Vorfahren, den Mykenern, weit zurück. Ein neuerer Historiker hat sie daher kurzweg »das erfindungsärmste der Kulturvölker« genannt. Auch ihre historischen, geographischen und astronomischen Vorstellungen waren kindlich, und die besseren Ansichten später Gelehrter sind nie ins Volk gedrungen. Aber es gibt auch eine Gegenrechnung. Sie sind die Begründer des Rationalismus und die Erfinder des theoretischen Menschen, der ich der ϑεωρία widmet, der reinen Betrachtung um ihrer selbst willen: niemals vorher hatte es so etwas gegeben! »Sie haben«, sagt Rohde, »der ganzen Menschheit vorgedacht; die tiefsten und kühnsten, die frömmsten und die frechsten Gedanken über Götter, Welt und Menschenwesen haben ihren Ursprung in Griechenland.« Ebenso wie, nach einem weltberühmten Ausspruch Herodots, Hesiod und Homer ihrem Volk seine 623 Theologie geschaffen haben, »indem sie den Göttern die Namen gaben, die Würden und Fächer bestimmten und die Gestalt zeichneten«, sind die Griechen auch die Lehrer der Wissenschaften geworden: ihrer Terminologie und Hierarchie, ihrer Formen und Ressorts. Dasselbe haben sie auf dem Gebiet der Poesie vollbracht: Sie zuerst haben die einzelnen Genres entdeckt, abgegrenzt, in ein rationales System gebracht; Tragödie und Komödie, Ode und Elegie, Aphorismus und Epigramm, pragmatische Historie und philosophischer Dialog, Lebenserinnerung und Biographie, Rede und Essay sind Kunstformen, die durch sie bis heute die gesamte Weltliteratur beherrschen; selbst Gattungen, die bereits der Orient besaß, wie zum Beispiel das Epos, der Brief, das Liebesgedicht, haben erst bei ihnen ihre reine Ausprägung erfahren. Auch ihre Architektur ist nicht bloß eine künstlerische, sondern ebensosehr eine wissenschaftliche Leistung.

In alldem äußert sich die große schöpferische Grundkraft der hellenischen Kultur: ihr Individualismus. »Ein griechischer Koch«, sagt Nietzsche, »ist mehr Koch als ein anderer«; und zweifellos besaßen sie von allen Völkern der Erde die weitaus meisten Individuen. Und doch gab es eine noch stärkere Macht im griechischen Leben: den Staat, die Polis, die mit erbitterter Zähigkeit danach rang, alle diese Individuen unter ihr Joch zu beugen, zu nivellieren, auszuschalten, zu vernichten. Der berüchtigte Ostrakismos, das Scherbengericht, war keine politische Institution, sondern ganz allgemein und völlig unverblümt gegen die reichere, freiere, stärkere, farbigere Individualität gerichtet, ohne deren beglückenden Anblick die Griechen doch wiederum nicht existieren konnten: es bestand zwischen ihnen und ihren großen Männern ein dauernder Zustand des Liebeshasses. Wie sie ihren Göttern zutrauten, daß alles Hervorragende ihre Eifersucht errege, so hielten sie es selbst; man hat den unabweisbaren Eindruck, daß jede außergewöhnliche Fähigkeit 624 bereits genügte, um deren Träger zum »Staatsfeind« zu stempeln. Das waren also doch recht sonderbare Individualisten! Ein anderes einstimmig gepriesenes Phänomen ist der griechische Idealismus. Schon ihre soeben erwähnte Gabe des uninteressierten Schauens weist in diese Richtung. Auch hatten sie einen heftigen Widerwillen gegen alle Erwerbstätigkeit, und das Schimpfwort »Banause«, womit sie dieser Verachtung kräftigsten Ausdruck verliehen, hat sich bis in unsere Tage gerettet. Aber daneben waren sie doch auch wieder ganz eingefleischte Materialisten. Sie glaubten im Grunde nur an das Konkrete, Tastbare, Reale, an die Nähe, und Geld und Besitz ging ihnen über alles. Ihre »Antibanausie« bestand im wesentlichen darin, daß sie nicht gern arbeiteten: Aber den arbeitslosen Reichtum verabscheuten sie ganz und gar nicht. Selbst ihre leuchtendsten Helden: Agamemnon, Odysseus, Achilleus, sind schrecklich habgierig und haben fortwährend fette Beutestücke, Lösegelder, Gastgeschenke im Kopf, und alle Nachbarn, Perser und Ägypter, Phoiniker und Römer, waren sich darüber einig, daß jeder Grieche zu kaufen sei. Das einzige Gegenbeispiel ist Aristeides, den seine Uneigennützigkeit zur griechischen Sehenswürdigkeit und jahrhundertelangen Zelebrität machte.

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