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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 306
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Sophrosyne

Diese hysterische Gier nach Gunst und Geltung hat eine große Leidenschaftlichkeit zur Voraussetzung, und man braucht zur Bestätigung nur auf ihren zweiten Nationalhelden, Achill, zu blicken, der ein wahrer Berserker ist. »Die Gefahr eines 620 Rückfalls ins Asiatische«, sagt Nietzsche, »schwebte immer über den Griechen.« Kein Volk hat einen so wilden Mythos, in dem ununterbrochen das Entsetzlichste geschieht, ja keines hätte einen solchen auch nur ertragen. Und doch leuchtet durch die ganze griechische Geschichte das Ideal der Besonnenheit, der Sophrosyne, und mit so starkem und mildem Glanz, daß Winckelmann und mit ihm der gesamte deutsche Klassizismus sogar glaubte, in ihr den Schlüssel zur griechischen Seele gefunden zu haben. Selbst der Name des Volkes soll hierauf zurückgehen, denn nach einer antiken Überlieferung heißt ἕλλην verständig. Aus Hesiods Werken und Tagen kennen wir den tiefsinnigen Pandoramythus: Aus dem Faß strömten alle Übel, die seither die Menschen bedrängen, aber Pandora schlug den Deckel zu früh zu, und das ärgste von allen, die ἐλπίς, blieb zurück. Elpis bedeutet, ebenso wie das lateinische spes, die »Erwartung«, und zwar von etwas Günstigem oder Ungünstigem, also sowohl Hoffnung wie Befürchtung. Daß diese beiden Empfindungen als das größte Unglück gelten, ist die höchste Apotheose der Verständigkeit, die sich denken läßt. Und diese steht am Anfang und am Ende der griechischen Geistesgeschichte: Denn auch die Stoa, in der die antike Philosophie ausklingt, lehrt, Begierde und Furcht (ἐπιϑυμία καὶ φόβος) seien die Hauptkrankheiten der Seele.

Aber wie verträgt sich diese Abgeklärtheit mit der sinnlosen Grausamkeit des griechischen Volkes, die ganz ersichtlich mit der zunehmenden Kulturblüte immer teuflischere Formen angenommen und erbarmungslos alles verzehrt hat, Barbaren und Bruderstämme, Nachbarstädte und Mitbürger, Standesgenossen und Blutsverwandte? Und wie verträgt sich mit dieser Roheit, die selbst den Orient erschauern machte, jene Anmut in Wort und Gebärde und zarte Empfindlichkeit für Nuancen des Kunstwillens und Lebenstakts, die das Staunen der ganzen Nachwelt erregt hat?

621 Vermöge dieses feinen Instinkts für das Richtige haben die Griechen auf zahlreichen Gebieten für Jahrtausende die Norm geschaffen, und man müßte sie daher für das geistig gesündeste Volk der Welt halten. Aber dasselbe Volk wurde von periodischen Geistesstörungen heimgesucht: Tanzepidemien, Massenhalluzinationen, Orgiasmen und Orgasmen, die, als »dionysische Raserei« jedem Hellenen vertraut, für uns ein einziges großes Rätsel bedeuten. In der Ökonomie des griechischen Seelenlebens bildeten diese Wahnsinnszustände eine so selbstverständliche Nachthälfte, daß auf dem Tempel Apolls in Delphoi vorn der Kult dieses Gottes, hinten die ekstatische Verehrung des Dionysos verewigt war. Hier ist die Brücke zum griechischen Pessimismus, der genialen Entdeckung Jakob Burckhardts, die durch Nietzsche Gemeingut aller Gebildeten geworden ist. In der Tat ist eine leise Schwermut die Lasur aller Kunst, die Pointe alles Mythos der Hellenen, und man begreift kaum, daß dies so lange verborgen geblieben ist. Und es konnte sich auch gar nicht anders verhalten, denn alle vorchristliche Menschheit ist notwendig düster: Erst die Frohe Botschaft vermochte den Alpdruck hinwegzunehmen, der über aller Kreatur liegt. Aber es handelt sich bei den Griechen um eine Art mittägigen Pessimismus, eine Weltangst im vollen Sonnenlicht, die von der nordischen himmelweit verschieden ist und neben ihr primitiv, harmlos und fast heimlich wirkt, gleich den Schreckbildern einer Jahrmarktsbude; und so begreift man auch wieder, daß die Heiterkeit der Griechen sprichwörtlich geworden ist. Und auf Festfreude und Genuß des Augenblicks verstanden sie sich ja auch in der Tat meisterhaft.

Denn sie waren »naiv« und sie waren, wie das unvergängliche Denkmal ihrer Kunst zeigt, das natürlichste Volk der Welt. Aber auch das ist wieder nur halb wahr. Denn wie kann man das Klassische das Naive nennen, da es doch die höchste Stufe artistischer Bewußtheit repräsentiert? Und ihre Kunst war 622 eigentlich gar nicht natürlich, sondern von einem extremen Stilwillen getragen, der alles souverän durchdrang: Vasen und Fresken, Tempel und Tragödien, Poesie und Prosa bis zu den giftigsten Brandreden und tollsten Theaterburlesken hinab, die alle gebaut sind. »Monumentalität« gilt ja als eine typisch griechische Eigenschaft. Außerdem wird man bei einem Volk, in dessen Seelenleben die Homosexualität derart im Vordergrund stand, nicht gut von »höchster Natürlichkeit« sprechen können.

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