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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 305
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das griechische Ethos

Um mit dem Wichtigsten, dem Ethos, zu beginnen, so waren sie ebenso moralisch wie unmoralisch. Was Freiheit und Verantwortlichkeit, Patriotismus und Pietät sind, hat die Welt eigentlich erst durch die Griechen erfahren. Der Orient kannte diese sittlichen Mächte in ihrer reinsten Ausprägung noch nicht. Trotzdem wird man modernes Rechtsgefühl bei ihnen vergeblich suchen. Es fehlt, ein paar Dichter und Philosophen beiseite gelassen, an der Empfindung für die prinzipielle Verwerflichkeit des Verbrechens. Dieses ist nach einer allgemeinen Auffassung, die noch bis in die Spätzeiten durchschimmert, eine Privatangelegenheit zwischen Schädiger und Geschädigtem. Selbst der Mord kann ungesühnt bleiben: wenn das Opfer vor seinem Tode dem Mörder verzeiht, so besteht für die Anverwandten zur Anklage (die sie erheben, nicht der Staat) keine Verpflichtung mehr. Es handelt sich lediglich darum, daß die Seele ihre Rache bekommt; verzichtet sie freiwillig darauf, so haben weder öffentliche Moral noch Religion mehr etwas dazu zu sagen.

Auch die Grundlage aller höheren Sittlichkeit, die Wahrheitsliebe, war bei den Griechen sehr schwach entwickelt, ja sie waren, um es ohne alle Umschreibung zu sagen, geradezu das klassische Volk der Lüge und Perfidie, und zwar, was die Sache 618 eher verschlimmert als entschuldigt, ohne auch nur ein Bewußtsein davon zu haben, daß dies ein Übel sei. Odysseus, der mehr als irgendeine andere Figur der Weltliteratur auf das Prädikat eines Nationalhelden Anspruch machen darf, leistet in allen Arten von Falschmünzereien, vom harmlosen Geflunker bis zur gigantischen Tücke, das Äußerste. Aber das stärkste Stück ist doch, daß Athena ihm hiefür nicht nur höchste Bewunderung zollt, sondern auch noch hinzufügt, im Lügen überträfen ihn nur die Götter! In der Tat war denn auch bereits bei den Römern die Graeca fides sprichwörtlich, und noch heute bedeutet im Französischen Grec soviel wie »Bauernfänger«! Der Meineid scheint geradezu eine griechische Verkehrsform gewesen zu sein. Allerdings glaubten viele, daß er den Untergang des Schwörenden, ja seines ganzen Geschlechts nach sich ziehe, und aus diesem Grunde mahnt Hesiod von ihm ab: daß man ihn um seiner selbst willen meiden solle, kommt ihm nicht in den Sinn. Er war denn auch im ganzen Altertum straflos, denn ihn zu rächen, war Sache der Götter, die dies aber auch nicht aus ethischen Gründen taten, sondern weil der Meineidige den Fluch, bei dem er geschworen, selber auf sich herabgewünscht hatte; er verfällt den Höllengeistern, denen er sich angelobt hat: ein juristischer, kein moralischer Vorgang. Allerdings verwiesen Dichter und Philosophen immer wieder inbrünstig auf Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, die mächtigwaltende Beisitzerin des Zeus, aber auch dies läßt vermuten, daß ihr im Leben nicht sehr stark gehuldigt wurde. Man muß aber andererseits rühmen, daß die Griechen eine Aufrichtigkeit besaßen, die unserer Gesellschaft zum größten Teil abhanden gekommen ist: Es fehlte ihnen jene Tartüfferie und Prüderie, von der seit der Herrschaft der Bourgeoisie alle Lebensverhältnisse getränkt sind, und jene falsche Diskretion, die heutzutage aus »Geschäftsrücksichten« allenthalben geübt wird; vielmehr redeten sie sowohl über ihre eigenen Privatangelegenheiten wie 619 über die ihrer Mitmenschen mit einer großartigen Offenheit. Auch waren zumindest ihre Körper von der höchsten Unverlogenheit und bewegten sich mit einer tierhaften Grazie und Freiheit, auf die wir wie auf ein verlorenes Paradies zurückblicken. Und schließlich wird man einem Volke, aus dessen Schoß eine solche Kunst geboren wurde, einen tiefen inneren Wahrheitssinn nicht gut absprechen können.

Daß ihre Moral auf uns etwas defekt wirkt, hat seinen Grund zum Teil auch darin, daß das moderne Ehrgefühl, das für uns eines der stärksten sittlichen Regulative bildet, ihnen vollkommen unbekannt war. Prügel waren Sache einer Geldablöse, und den Begriff »Ehrenbeleidigung« gab es überhaupt nicht. Eine einzige antike Komödienveranstaltung hätte heutzutage einen Rattenschwanz von Schadenersatzklagen, Aufführungsverboten, Rekriminationen der Hinterbliebenen und dergleichen im Gefolge. Was sich die Redner auch in den harmlosesten Zivilprozessen an infamsten Verleumdungen der Gegenpartei leisteten, ist bekannt. Und es hat der Würde und dem Ruhme des Sokrates nichts geschadet, daß ihm manche auf seine bisweilen etwas schikanösen Beweisgänge mit Backpfeifen antworteten. Über die Unbekümmertheit, die sich das ganze Altertum gegenüber diesen Dingen bewahrte, hat Schopenhauer in seinen »Parerga« sehr ergötzlich gehandelt. In sonderbarem Kontrast hierzu aber steht es, daß die Griechen zu allen Zeiten von einer geradezu krankhaften Ehrsucht förmlich aufgefressen wurden. Sie hatten nichts im Kopf als Siege und Preise und konnten sich sämtliche Lebensbetätigungen gar nicht anders vorstellen als in der Form des Agons, des Wettkampfs, an dessen Ziel irgendeine Ehrung steht.

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