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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 304
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das griechische Genie

Auch von den übrigen Nationaleigenschaften der Griechen läßt sich fast nur Doppelsinniges aussagen. Denn die hellenische Kultur ist, obgleich wir in der Schule schrecklich viel über sie lernen müssen, auf uns in einem Zustand gelangt, der kein anderes als ein sehr unscharfes Bild gestattet. Wir besitzen von ihr, wie schon George Grote bemerkte, nur, was von dem Wrack eines gestrandeten Fahrzeugs ans Ufer getrieben ist. Die Malerei und die Musik sind gänzlich verschollen, die Skulptur und die Dichtung nur in zweideutigen Trümmern erhalten. Desgleichen ist nicht bloß von der Baukunst, sondern auch von der Philosophie nichts geblieben als ein imposantes Ruinenfeld. Sowohl von Demokrit wie von Heraklit, dem »lachenden« und dem »weinenden« Philosophen, wie man sie albern genannt hat, haben wir nur dürftige Bruchstücke; und doch war Heraklit der tiefste, Demokrit der umfassendste Geist, den Griechenland hervorgebracht hat. Es verhält sich hier etwa so, wie wenn wir von Nietzsche nur eine Handvoll Aphorismen und von Hegel nur ein paar Vorlesungsstenogramme besäßen. Vor allem aber ist das meiste Mittelmäßige verschwunden, und dies ist immer der größte Verlust für die Kulturgeschichte; denn gerade in diesen Produkten pflegt sich die Stimme des Alltags beredter und lebendiger zu äußern als in den Ewigkeitswerken. Wer zum Beispiel die deutsche Luft um 1800 kennenlernen will, wird aus Kotzebue und Iffland mehr erfahren als aus Goethe, und aus den damaligen Schmachtfetzen und Gassenhauern mehr als aus Beethoven.

Die Widersprüche im griechischen Volkscharakter haben aber noch einen anderen, tieferen Grund. Man hat mehr als 617 einmal die hellenische Nation als das Genie unter den Völkern bezeichnet. Nun exzelliert aber das Genie vor allem durch zweierlei: seine Polarität und seine Universalität. Es besteht aus lauter Gegensätzen, und in dem Spiel der Berührung und Entladung dieser Gegensätze entfaltet sich seine Produktivität. Und es ist universell, ein Spiegel und Extrakt der ganzen Menschheit, so daß man mit geringer Übertreibung sagen könnte: genial ist ein Mensch, der sämtliche Eigenschaften besitzt. In der Tat hat man bei Schöpfern wie Shakespeare und Michelangelo, Dante und Dostojewski den Eindruck, daß alles Gute und Böse der Welt in ihnen versammelt war. Und ein ähnlich verwirrendes und aufregendes Schauspiel bieten die Griechen als Gesamtvolk.

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