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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 300
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Geflügel

Es wurde schon im ersten Band erwähnt, daß das Huhn, in Babylonien von alters her einheimisch, sowohl zu den Ägyptern wie zu den Hebräern verhältnismäßig spät gelangte: zu jenen nicht vor der Saïtenzeit, zu diesen erst im Exil. Auch Homer kennt zwar den Eigennamen Alektor, der »Hahn« bedeutet, das Tier aber noch nicht. Aber zur Zeit der Perserkriege wird es bei den Dichtern schon vielfach erwähnt, und sein Krähen und Stolzieren, sein Kamm und Sporn, die Zärtlichkeit und Tapferkeit der Hühnermutter dient ihnen zu mancherlei Vergleichen. Im perikleischen Zeitalter besaß es bereits seine heutige Popularität. Auch im ärmsten athenischen Hause fand sich die Henne, die man alektoris, oder bezeichnenderweise einfach ornis, den Vogel, nannte. Auch Hahnenkämpfe waren sehr beliebt, wie man aus den zahlreichen Vasenbildern ersieht, die die Dressur, den Verlauf des Duells, den Triumph des Siegers, die Trauer des Geschlagenen sachkundig vorführen. Kein Geringerer als Themistokles soll diesen Sport in Athen 610 eingeführt haben, wo er aber bald in den Wachtelkämpfen eine Konkurrenz fand, deren Veranstalter sie mit solcher Leidenschaft betrieben, daß sie als Ortygomanen, Wachtelnarren, verspottet wurden. Warum der Hahn dem Asklepios heilig war, ist nicht recht klar; es gab aber Sokrates Anlaß zu einem der schönsten Worte, die das Altertum gesprochen hat: Im Begriff, den Schierlingsbecher zu trinken, befahl er, dem Asklepios einen Hahn zu opfern, zum Dank für Genesung von langer Krankheit.

In Fels und Wald wimmelte es von wilden Tauben, schwarzen, aschgrauen, blonden und erdfarbigen, während die Haustaube, die aber nicht früher als das Huhn nach Griechenland kam, meist weiß war: Sie wurde als Vogel der Aphrodite auch in Tempeln gehalten. Die Gans, griechisch chen, was ebenso ihr Zischen nachahmen soll wie das deutsche Wort, kommt schon in der Odyssee am Hofe der Penelope vor, wo sie wegen ihrer Schönheit bewundert wird. Ihre Feder wurde aber noch nicht zum Schreiben verwendet. Viktor Hehn sagt in seinem entzückenden Buche Kulturpflanzen und Haustiere, das wegen seiner eleganten und geschmackvollen Darstellung in wissenschaftlichen Kreisen als dilettantisch gilt, aber trotz seines bereits biblischen Alters noch heute nicht überholt ist, daß sich für das Schreiben drei große Perioden ergeben: die des gespaltenen Rohrs des Thukydides und Tacitus, die des Gänsekiels, den Dante und Goethe in der Hand führten, und die der Stahlfeder, »mit der Leitartikel und Feuilletons hingeworfen werden, um noch naß in der Werkstatt gesetzt und mit Dampfkraft gedruckt zu werden«. Danach kann man sich denken, was er erst zur Schreibmaschine gesagt hätte, wenn er sie noch erlebt hätte.

Die Hausente taucht erst in der Kaiserzeit auf. Ihre wilde Varietät war immer häufig, besonders in der Gegend des Kopaissees, wo Wildenten massenhaft mit Netzen gefangen wurden. Seltener schoß man mit Pfeilen nach ihnen; das ägyptische 611 Wurfholz war unbekannt. In der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts debütierte in Athen, aufs höchste bestaunt, der lächerliche Pfau. Er ist geschmacklos im doppelten Sinn, und deshalb blieb es dem kaiserlichen Rom vorbehalten, ihn zum allgemeinen Gartenschmuck und erlesenen Leckerbissen zu erheben, weil, wie Hehn sagt, »die Römer alles in den Mund stecken mußten«; einzelne Snobs aber haben auch schon in Griechenland, wo er die längste Zeit eine große Rarität blieb, für ihn Summen bezahlt, die, so behauptet wenigstens ein Komödienfragment, zum Ankauf von Kunstwerken hingereicht hätten. In die Frauengemächer fand eine Zeitlang der Reiher als Modetier Eingang. Auch die Fledermaus rechnete man, soweit man sie nicht für einen Dämon hielt, zum Geschlechte der Vögel. Es herrschte überhaupt in der Zoologie des öftern eine beträchtliche Begriffsverwirrung. So erklärte man die Giraffe, die Kamelpanther hieß, weil ihre Gestalt an ein Kamel, ihr Fell an einen Panther erinnerte, für einen Bastard aus diesen beiden Tieren, und den Delphin, der in der griechischen Sage und Poesie unter allen Meertieren die hervorragendste Stellung einnimmt, zählte man unter die Fische: er galt sogar als deren König. Auch über die Zugehörigkeit der Schildkröte war man sich nicht recht im klaren. In der Küche wurde sie von den alten Griechen ebensowenig verwendet wie von den heutigen, die für die delikate Suppe nichts übrig haben; dagegen wurde ihr Rückenschild wichtig für die Herstellung der Lyra. Aus Schildpatt wurden auch allerlei Gebrauchsgegenstände hergestellt, aber die Geschmacklosigkeit, es zur Verzierung der Möbel und Verkleidung der Wände zu benutzen, blieb wiederum den Römern vorbehalten. Auch für die Auster hatten die Griechen noch nicht die römische Leidenschaft, obgleich sie schon von Homer lobend erwähnt wird und zu allen Zeiten gern als Volksnahrung verzehrt wurde.

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