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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die okkulte Atlantis

Dies führt uns zu einer hochinteressanten Schrift, die Rudolf Steiner dem Atlantisproblem gewidmet hat. Sie umfaßt nur wenige Seiten, eröffnet aber ganz neue Perspektiven. Steiner schöpft aus »okkulten Quellen«, nämlich aus den Erkenntnissen, die man zu erlangen vermag, wenn man, durch Versenkung in sich selbst, an gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen das erschaut, was an ihnen nicht sinnlich wahrnehmbar ist, aber ebendarum durch keine Zeit zerstört werden kann. Auch diese Schau kann sich täuschen, sie ist sowenig unfehlbar wie irgend ein menschliches Tun. Aber es ist doch bemerkenswert, daß die historischen Geheimlehren seit Jahrtausenden miteinander übereinstimmen, während die Geschichtsforschung schon in einem einzigen Jahrhundert erheblichen Wandlungen unterworfen ist. »Die Eingeweihten«, sagt Steiner, »schildern zu allen Zeiten und allen Orten im wesentlichen das gleiche.« Die Theosophen und Anthroposophen nehmen an, daß es ein allumfassendes Gedächtnis der Natur selbst gibt, das mit größter Treue sämtliche Geschehnisse aufbewahrt, und daß es gewissen Menschen möglich ist, zu diesem Sammelreservoir Zugang zu gewinnen. Es handelt sich also hier um einen »metapsychologischen« Vorgang, ein Fernsehen, und zwar ein Fernsehen in die Zeit. Verwandte Erscheinungen sind der Metapsychologie längst bekannt: schon Swedenborg sah von Gotenburg aus eine Feuersbrunst in Stockholm, die er in allen Einzelheiten beschrieb; ferner weiß man von der »Psychoskopie«, der okkulten Fähigkeit, einem bestimmten Gegenstand durch seinen bloßen Anblick seine ganze Geschichte abzulesen. Mit Personen, die an derlei Dinge nicht glauben, läßt sich schwer diskutieren: sie gleichen, wie der Theosoph Sinnett treffend bemerkt, jenem Afrikaner, der die Existenz des Eises leugnete. Aber auch die nüchternste Erwägung müßte sich sagen, daß eine sogenannte okkulte Erkenntnis sehr oft nichts anderes ist als eine Erkenntnis, die noch nicht zu einer 65 »wissenschaftlichen« geworden ist. Schon immer gab es in der Phantasie der Menschheit Drachen: sie flatterten durch alle Märchen und klebten an allen Bauresten; man belächelte sie so lange, bis man ihre Skelette ausgrub und mit großem Stolz in allen Museen zeigte. Daß die Hypnose ein ausgemachter Schwindel sei, war noch vor fünfzig Jahren die Meinung aller Gebildeten; heute kann man wegen ihrer Ausübung sehr leicht eingesperrt werden, was gewiß die höchste Reverenz vor ihrer Tatsächlichkeit bedeutet. Im törichten Volksglauben und im alchimistischen Aberglauben bestand nie ein Zweifel darüber, daß den Metallen, den Edelsteinen, den Elementen eine geheime Seele innewohne; ernste Mineralogen schüttelten darüber den Kopf, aber seit etwa einem Vierteljahrhundert weiß man, daß es »lebende Kristalle« gibt, die Nahrung aufnehmen, Sekrete abgeben, sich bewegen und sogar paaren.

Steiners Atlantislehre ist kurz diese: Logischer Verstand und rechnerische Kombination fehlten ursprünglich den Atlantiern gänzlich. Dafür hatten sei ein hochentwickeltes Gedächtnis. Wenn sie zum Beispiel eine Rechnung auszuführen hatten, so erinnerten sie sich an gleiche oder ähnliche Fälle. Ferner hatte bei ihnen das Wort nicht bloß Bedeutung, sondern auch Kraft. »Zaubermacht des Wortes«, für uns eine Redensart, war für sie eine Realität. Allmählich lernten sie vergleichen. Die Urteilskraft entwickelte sich. Aber dieser Gewinn wurde mit dem Verlust der seelischen Herrschaft über die Natur bezahlt. Mit dem kombinierenden Denken kann man nur die Kräfte der mineralischen Welt bezwingen, nicht die Lebenskraft. »Wie man heute aus den Steinkohlen die Kraft der Wärme herausholt, die man in fortbewegende Kraft bei unseren Verkehrsmitteln verwandelt, so verstanden es die Atlantier, die Samenkraft der Lebewesen in ihren technischen Dienst zu stellen . . . Man denke an ein Getreidesamenkorn. In diesem schlummert eine Kraft. Diese Kraft bewirkt ja, daß aus dem Samenkorn der Halm 66 hervorsprießt. Die Natur kann diese im Korn ruhende Kraft wecken. Der gegenwärtige Mensch kann es nicht willkürlich.«

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