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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 298
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Pferd, Hund und Katze

Von Haustieren hatten die Griechen das Pferd bereits mitgebracht; aber ihr Land bot im allgemeinen keine günstigen Bedingungen für die Entwicklung der Rossezucht. Von hoher Qualität waren nur die thessalischen Rassen. Die spartanische Reiterei war ganz minderwertig. Auch die Athener besaßen nur in der Ebene von Marathon ein halbwegs geeignetes Terrain. Trotzdem waren die Hellenen von den ältesten Zeiten an große Pferdeliebhaber. Zahlreiche griechische Namen sind mit »hippos« gebildet. Xenophon, der eine eigene Schrift über Hippologie verfaßte, nennt das Pferd den Freund des Menschen, den berechtigten Träger der Götter. Ein Lieblingsthema der bildenden Kunst, das sie in unerschöpflichem Motivenreichtum abwandelte, waren die Pferdemenschen, die Kentauren. Man darf für gewisse Zeiten geradezu von einem Pferdespleen sprechen. Im Repertoire der attischen Komödie befand sich auch die Satire auf den bourgeois gentilhomme, der den Sportkavalier spielt. Alkibiades, dessen Snobismus ebenso groß war wie seine Genialität, besaß einen berühmten Rennstall, aus dem er zu Olympia sieben Viergespanne auf einmal laufen ließ; übrigens auch einen riesigen exotischen Hund, der das Tagesgespräch von Athen war. Die höhere Reitkunst kannte bereits Volten und Voltigen, Levade und Pesade, Kurbette und spanischen Tritt. Man ritt ohne Sattel, Steigbügel und Hufeisen und bediente sich zum Lenken nur der Zügel und Schenkel, denn der Gebrauch von Sporen und Peitsche wurde von den damaligen Pferdekennern ebenso widerraten wie von den heutigen. Selbst die Decke fand meist nur beim Militär Verwendung. In den Sitz 606 gelangte man, indem man mit Hilfe der Lanze aufsprang, auch waren die Pferde zum Niederbeugen der Vorderfüße abgerichtet. Die Rennreiter saßen nackt zu Roß; Unfälle waren zumal bei den Wagenrennen an der Tagesordnung; die Pferde stürzten, die Wagen zerschellten, die Lenker wurden geschleift. Der Volksglaube machte dafür einen eigenen Dämon verantwortlich: Taraxippos, den Rosseverwirrer, zu dem vor dem Start gebetet wurde.

Auch der Hund war ein Sporttier: der Jäger hieß kynegos, Hundeführer. Ein Jagdgehilfe war schon der berühmteste aller Hunde: der alte Argos, dem Homer ein ergreifendes Denkmal errichtet hat: er allein erkennt, vergessen und ungepflegt auf dem Misthaufen liegend, den heimgekehrten Odysseus, der ihn einst als ganz junges Tier zurückließ, aber schon zu schwach, sich zu erheben, vermag er nur noch die Ohren zu bewegen und mit dem Schwanz zu wedeln; sein Herr vergießt eine heimliche Träne, »aber den Argos umfing des dunkeln Todes Verhängnis, gleich nachdem er Odysseus gesehn im zwanzigsten Jahre«. Sehr merkwürdig aber ist es, daß es schon in Troja Spitze gab, die den unserigen genau glichen. Eine andere schon im Altertum bekannte Rasse waren die Doggen: die schönsten und kräftigsten, »Molosser« genannt, kamen aus Epeiros und nahmen als Leibwächter der Großen einen hohen Rang ein; auch der Kerberos, der den Herrn der Unterwelt und seine Schätze bewacht, ist ein riesiger schwarzer Molosserhund, der sich allerdings von den übrigen Exemplaren seiner Gattung dadurch unterscheidet, daß er drei Köpfe besitzt. Noch heute verteidigen große zottige Hunde, verwilderte Abkömmlinge der Molosser, die griechischen Herden, ohne sie jedoch, wie unsere Schäferhunde, auch zusammenzuhalten. Im übrigen spielte der Hund im griechischen Leben eine ebenso große Rolle wie heutzutage. Er war Genosse der Mahlzeit, Spielkamerad der Kinder, Mitglied reisender Artistentruppen, begleitete seinen 607 Herrn bis in die Schlacht und wurde nicht bloß von den Damen verwöhnt; schon der alte Hesiod meint, man sollte ihm häufig schmeicheln, und der berühmte Historiker Arrian, der aber auch über alles mögliche andere schrieb, rät, ihn auf den Kopf zu küssen und ins Bett zu nehmen. In reizender Naivität bringt das Verhältnis des Menschen zum Hund ein griechisches Grabgedicht zum Ausdruck: »Wanderer, der du vorbeiziehst, schaust du das Denkmal, lache nicht, bitte, darob, daß einem Hund es gehört. Tränen flossen um mich, und eigenhändig gesammelt hat meine Asche der Herr, hat auch die Verse gemacht.«

Hingegen gab es keine Katzen, obgleich die Ägypter sie doch schon längst hielten und sogar göttlich verehrten. Vielleicht aber hatte gerade dies zur Folge, daß sie keine aus dem Lande ließen. In Pompeji haben sich verschüttete Pferde, Hunde, Ziegen und andere Haustiere gefunden, aber keine Spur von einer Katze; ebensowenig findet sie sich auf den dortigen Wandmalereien dargestellt, und auch in den äsopischen Tierfabeln tritt sie niemals auf. Dafür aber fehlte auch die Ratte, die erst ein Geschenk der Völkerwanderung ist. Aber die Mäuseplage war groß; besonders für die Lederer war sie ein Gegenstand unaufhörlicher Klagen, und die Parasiten wurden in der Vulgärsprache »Mäuse« genannt: eine verlorengegangene Komödie führte diesen Titel, und in einem Bruchstück des Antiphanes sagt ein Schmarotzer: »Bei Tisch ein ungebetener Gast gleich' ich der Maus, die man vergebens aus der Brunnenröhre scheucht.« Einen gewissen Katzenersatz bot das Wiesel. Dieses niedliche, lebhafte Tierchen, das, wie Kenner versichern, im jugendlichen Alter vollkommen zähmbar ist, war der possierliche Gast vieler antiker Häuser; auf den Fang ging es erst des Nachts, den Tag verbrachte es im Zimmer auf einem weichen Polster oder gar auf dem Schoß seiner Besitzerin. Es jagt fast alle kleinen Tiere: Säuger, Vögel, Schlangen, Frösche, sogar Fische. An den Menschen gewöhnt, benimmt es sich wie eine Katze, spielt mit 608 ihm, trinkt aus der Hand und kommt ins Bett. Da es sich aber auch gern bisweilen ein Stück Speck oder Braten, ein Ei oder sogar ein Hühnchen holt, so war es bei den Küchensklaven nicht sehr beliebt. Auch hat es die üble Angewohnheit, sich, wenn es gereizt wird oder sich verfolgt glaubt, in penetranter Weise seiner Gase zu entledigen, und man kann sich vorstellen, wie gierig sich die Komödie auf dieses geschmackvolle Motiv stürzte. In Fabeln, Redensarten und Kinderspielen bildeten »Wiesel und Maus« ein untrennbares Begriffspaar. Daß man sich außerdem nicht bloß den Igel, sondern auch die Ringelnatter hielt, die den Beinamen myothera, die Mäusejägerin, führte, ist verwunderlich, denn sie galt für giftig, wie übrigens auch die Kröte, die man mehr fürchtete als die Sandviper.

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