Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 297
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Jagd

Die Ionier in Kleinasien lebten üppiger. Hipponax aus Ephesos, später in Klazomenai, ebenso bedeutend als Jambendichter wie als Schnorrer, schwärmte von den Tafeln der Reichen mit feisten Enten und zarten Hasen, süßen Sesamkuchen und fetten Honigschnitten, Ragout und Seefisch. Aber schon die Bezeichnung des Schlachtviehs als »Opfertiere«, hiereia, zeigt, daß man ihr Fleisch für gewöhnlich nur zu den heiligen Zeiten genoß. Die Jagd war in Hellas während der historischen Zeit, im Gegensatz zur mykenischen, nie von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung, obgleich es in vielen Gegenden Hirsche, Rehe und Hasen gab: diese zum Beispiel auf der Insel Karpathos in solcher Menge, daß man für embarras de richesse die Redensart gebrauchte: »Der Karpathier und der Hase.« 604 Auch andere sprachliche Bildungen zeigen, daß dieses Tier im Volksleben eine Rolle spielte: eine Form des Hirtenstabs hieß lagobolon, Hasentreffer, eine Lieblingsspeise der Athener mimarkys, Hasenpfeffer: Lunge, Leber, Niere in Gewürzbrühe, gekocht, und »in lauter Hasenbraten leben« ist in der Komödie der Ausdruck für höchstes Schlemmerdasein. Der Hase galt auch als Symbolik der Liebe, offenbar wegen seiner »kaninchenartigen« Fruchtbarkeit; aber Kaninchen kannten die Griechen noch nicht. Ebensowenig das Rebhuhn, wohl aber das Steinhuhn, das nächst dem Hasen das gewöhnlichste Jagdwild war; auch muß an der athenischen Küste das Wasserhuhn, phaleris, sehr verbreitet gewesen sein, da nach ihm der Hafen Phaleron seinen Namen führte.

Den Eber zu erlegen, war schon eine romantischere Angelegenheit. Man erwartete ihn, wenn er mit gesträubten Borsten und wutfunkelnden Augen anrannte, mit dem probolion, der Saufeder, um ihm an der Kehle den Todesstoß zu versetzen; wenn dies aber mißlang, mußte man sich blitzschnell platt auf den Bauch werfen, sonst war man verloren. Der Bär soll noch heute in Epirus vorkommen; im Altertum war er ein Bewohner aller griechischen Gebirge. Arkadien heißt soviel wie Bärenland, und im ersten Messenischen Kriege trugen die Männer, die von dort ins Tal stiegen, alle noch Bärenfelle. Die Heroen des Mythus aber schmückt das Löwenfell. Moderne Zweifelsucht will darin nur eine poetische Arabeske erblicken und auch Homer keine persönliche Kenntnis des Tiers zubilligen. Aber wenn man seine genaue Beschreibung der ergrimmten Bestie liest: »sie duckt sich mit weit geöffnetem Rachen, Geifer tritt um ihre Zähne, mit dem Schweif peitscht sie sich beide Hüften, dann springt sie aufleuchtenden Blicks«, und sie mit den Schilderungen moderner Löwenjäger vergleicht, so vermag man diese Skepsis nicht zu teilen. Ebenso sachkundig beschreibt er das Treiben der Wölfe: Sie haben einen Hirsch 605 verzehrt, darauf traben sie mit blutgerötetem Maul einem nahen Bach zu, mit den dünnen Zungen das klare Naß zu lappen; das Blut färbt das Wasser. Sie leben übrigens noch heute in Griechenland, wenn auch nicht so dicht wie zur Zeit Solons, der auf ihre Tötung eine Prämie setzte. Auch Wildziegen gibt es noch derzeit auf den Inseln.

 << Kapitel 296  Kapitel 298 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.