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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 293
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Früchte

Aber was der griechischen Landschaft ihre Physiognomie verleiht, ist nicht die Baumwelt, sondern das kurzbeinige Geschlecht der Sträucher und Büsche, das die Lehnen der Mittelgebirge und ihre Vorhügel, die Felsen der Küsten, die Ränder der Schluchten und alle Wasserrinnen das ganze Jahr hindurch mit leuchtendem Blattgrün bekränzt und im Frühling mit zahllosen Sträußen milchweißer und rosenroter, goldgelber und feuerfarbener Blüten bestreut. Dem Apoll war der Lorbeer heilig, dem Dionysos der Efeu, der Aphrodite die Myrte. Sie schmückte schon im grauesten Altertum die Braut, fand aber auch prosaischere Verwendung als Digestiv und als Zutat der leckeren Myrtenwurst. Auch der Lorbeer wurde als Würze der Saucen und Ruhmestaten schon ebenso überschätzt wie 596 heutzutage. Unter den obsttragenden Gewächsen waren für die Griechen nur Feigenbaum, Weinstock und Ölbaum von größerer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Birnen und Äpfel gediehen schlecht. Der Apfel des Paris ist ein Granatapfel; aber auch diese Frucht war mehr zur Augenweide vorhanden, denn sie gelangt nur in östlicheren Gegenden zu ihrem vielgepriesenen Wohlgeschmack. Pflaume und Kirsche wurden nicht veredelt; auch der Nußbaum wuchs meist wild. Die goldenen Äpfel der Hesperiden waren Quitten. Diese sind in ganz frischem Zustand nicht gerade ungenießbar; aber manche griechischen Köche verstanden es bereits, aus ihnen durch Zusatz von Wein und Honig köstliche Konfitüren zu bereiten. Die Dattelpalme, die sehr viel Hitze verträgt, aber auch sehr viel Feuchtigkeit verlangt (der Araber sagt: sie taucht ihr Haupt in Feuer und ihre Füße in Wasser), bringt in Griechenland keine Früchte mehr hervor und wurde dort nur als bestaunte Kuriosität gepflanzt: an einigen Heiligtümern, unter anderem auf der Insel Delos zu Ehren Apolls; Palmzweige dienten als Siegeszeichen. Odysseus, der auch als gestrandeter Bettler ein vollendeter Kavalier bleibt, begrüßt Nausikaa mit dem ausgesuchten Kompliment, sie flöße ihm die gleiche Bewunderung ein wie der »Sproß des Phoinix« auf Delos, »denn nicht trägt ein solches Gewächs sonst irgend die Erde«.

Dem Feigenbaum hingegen sagte das trockene Klima Griechenlands gerade besonders zu. Die Griechen liebten seine Früchte leidenschaftlich und erzählten sich, Xerxes habe sich täglich attische Feigen vorsetzen lassen, um daran erinnert zu werden, daß das Land, das sie hervorbringe, noch nicht sein sei. Er hätte sie aber in noch weit vorzüglicherer Qualität aus Smyrna bekommen können, das ihm bereits gehörte. Es gab zwei Hauptsorten, die schwarzen und die weißen, die aber eigentlich dunkelrot und grünlich waren. Die süßeren weißen eigneten sich mehr zum Trocknen, die schwarzen wurden meist 597 frisch verzehrt. Die wilden Arten wucherten malerisch aus den Spalten alter Mauern und verwitterter Felsen.

Von den Weinen gab es zahllose Sorten. Sie waren, mit Ausnahme der gewöhnlichen Landweine, sehr schwer und feurig und meist süß; als die edelsten galten die Inselmarken. Schon den Kindern gab man Wein; Phoinix, der den kleinen Achilleus aufzieht, schneidet ihm das Fleisch vor und reicht ihm den Becher an den Mund, aber der Heros, der schon damals recht ungebärdig war, spuckt das Getränk wieder aus. Um die Weine haltbarer zu machen, versetzte man sie mit allerlei Zutaten, die für unsere Geschmacksbegriffe etwas befremdend sind: Zypressennadeln, zerriebene Myrtenbeeren, Galläpfel; vor allem harzte man sie sehr stark, und dies tut der Grieche noch heute. Doch erklären eingelebte Reisende, daß man später nicht versteht, wieso man den griechischen Wein ungenießbar finden konnte. Die Alten kannten auch schon den Essig; man erzeugte ihn, indem man einfach Wein an der Luft sauer werden ließ. Er hieß oxos (die Russen gebrauchen noch heute das Lehnwort uksus), und wie bekannt er war, zeigen die vielen Ableitungen und Zusammensetzungen im Griechischen: »Essigflasche«, »Essighändler«, »Mischung aus Öl und Essig«, »Trank aus Honig und Essig«, »nach Essig schmecken« und andere; einen Menschen mit einem sauren Gesicht nannte man oxynes. Man verwendete den Essig auch schon zum Einlegen, desgleichen das Öl. Andere bereits im Altertum übliche Konservierungsmethoden waren das Räuchern, das Einsalzen und der Luftabschluß. Die Korinthe, eine kernlose Rebenart, heute einer der wichtigsten griechischen Exportartikel, ist unantik. Sie führt ihren Namen daher, daß sie zuerst von den Venetianern bei Korinth gezüchtet wurde, und kann unter der ewigen griechischen Sonne gleich an Ort und Stelle getrocknet werden.

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