Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 292
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Bäume

Alle Mittelmeerländer sind, von Norden gesehen, sehr waldarm. Dies ist aber nicht die Schuld der Natur, sondern der Menschen. Die Axt hatte auch in Jahrhunderten den ursprünglich sehr reichen Beständen nicht viel anhaben können; aber man hatte sich schon früh daran gewöhnt, künstliche Waldbrände zu entfachen. Wiederum ist es Homer, der uns davon erzählt; er schildert, wie die wildlodernde Flamme durch das Gehölz rast, einem Meersturm vergleichbar: Entwurzelt fallen die Büsche, weithin erblickt man den Feuerschein und gewaltiges Tosen hallt durch die Bergschluchten. Diese uralte Unsitte erhielt sich bis in die neuesten Zeiten. Wenn in der Sommerglut der Wald dürr wie Zunder dasteht, kann ein einziger Funke, vom Winde weitergewirbelt, ganze Forste niederfressen. Bisweilen geschieht es aus Fahrlässigkeit, zumeist aber mit Absicht. Denn der Hirte gewinnt so mit leichter Mühe Weideland, das zugleich durch die Asche gedüngt wird. Was stehenblieb, fiel dem großen Bedarf des Hausbaus und Schiffsbaus, der Kohlenbrennerei und Teerschwelerei zum Opfer. Zum Nachwuchs konnte es schwer kommen, denn die wilden Regengüsse schwemmten die dünne Bodenkrume mit sich fort. Eine andere Kalamität des Südens bildeten die Ziegenherden, die unersättlich alle jungen Sprosse abnagten, und dazu kam noch als weitere dauernde Schädigung der Aderlaß des Anbohrens, da das Harz zum Auspichen der tönernen Weinfässer, als Weinzusatz, zur 593 Fixierung der Wohlgerüche in Salbölen und zu medizinischen Zwecken, besonders gegen Lungenleiden, allgemeine Verwendung fand. Die Griechen haben alle diese Mißstände durchaus nicht ignoriert, aber nie etwas Ernstliches dagegen getan, so daß sie bereits im fünften vorchristlichen Jahrhundert auf die Holzeinfuhr aus Makedonien und Thrakien angewiesen waren; schon damals kroch allenthalben »nichtsnutziges Buschwerk« und die Berge standen nackt, »Glieder eines einst blühenden Leibes, von Krankheit abgezehrt«, wie Plato sie nannte. Sogar das Karstgebirge war einmal ein reichbewaldetes Gebiet.

Steinkohle, Preßkohle und Torf waren den antiken Mittelmeervölkern unbekannt. Dagegen fand die Holzkohle ausgedehnte Verwendung. Das Brennen geschah, genau wie heute, in Meilern. Zur Entzündung der Flamme war der hölzerne Feuerbohrer seit Urzeiten in Gebrauch, später aber verwendete man auch Stahl, Stein und Zunder, ja sogar Brennspiegel aus Bronze und Brenngläser aus Bergkristall; die Erzählung jedoch, daß Archimedes die römische Flotte durch Spiegel in Brand gesteckt habe, ist eine späte Legende, die auf technisch unmöglichen Voraussetzungen beruht. Zur Beleuchtung diente ursprünglich der Kienspan, aus dem sich die Fackel entwickelte, indem man mehrere zusammengebundene Späne mit Pech, Asphalt oder Harz umkleidete. Fackelhalter aus rotbraunem Ton mit Tropfschale kamen bei den Ausgrabungen Schliemanns zutage. Auf Lampen der verschiedensten Formen und ihre Gestelle verwandte die Antike große Kunstfertigkeit; gespeist wurden sie mit Öl oder Talg, zum Schutz gegen Wind und Regen setzte man sie in einen Weidenkorb. Straßenbeleuchtung gab es im ganzen Altertum nicht, hingegen an fast allen Küsten Feuerwachen und später auch Leuchttürme.

Der verbreitetste Baum des griechischen Nadelwaldes ist die Kiefer, da sie sich mit trockenem Sandboden begnügt, auf dem sonst keine andere Nutzpflanze mehr gedeiht. Ihr Holz wurde, 594 obgleich es leichter fault als das der Eiche, mit besonderer Vorliebe zum Schiffsbau verwendet. Ihre nächste Verwandte ist die Pinie, deren Zapfen eßbare Kerne, die »Piniennüsse«, enthalten, ein im Altertum sehr geschätztes Naschwerk. Die Edeltanne kommt nur in höheren Regionen vor, dort aber nicht selten in ansehnlicher Menge, und ihr düsteres Grün bildet einen bezeichnenden Farbenfleck im Rahmen des Landschaftsbildes. Von sonstigen Nadelgewächsen waren die häufigsten die Zypresse, deren dunkle Flamme über den Gräbern trauerte, und der immergrüne Wacholder, dessen Beeren als Arznei, Gewürz und Räuchermittel Verwendung fanden, eine ebenfalls sehr anspruchslose Pflanze, die nicht bloß in zahlreichen Straucharten weite Gehänge bedeckte, sondern auch als Baum zu respektabler Höhe heranwuchs. Unter den Laubbäumen spielte die Eiche, sowohl in ihren sommergrünen wie in ihren immergrünen Varietäten, bei weitem die wichtigste Rolle, was schon daraus hervorgeht, daß ihr Name »drys« auch einfach für »Baum« gebraucht wurde. Am schönsten entwickelt war die Knoppereiche mit ihrer prachtvollen Laubkuppel, ihrem mächtigen Stamm, in dem die Bienen hausten, und ihren vielen Früchten, die geröstet ein beliebtes Nahrungsmittel bildeten; heute schätzt man an den Knoppern nur noch den Gerbstoff. Gerbstoffhaltig sind auch die Terebinthaceen, die aber nur in ihrer asiatischen Heimat eßbare Früchte und balsamisches Harz liefern: Mastixbaum und Terpentinbaum tragen in Europa ihren Namen mit Unrecht. Zu derselben Familie gehört auch die Pistazie, deren Nüsse wegen ihres delikaten Aromas dem Zuckerbäcker für Glasuren und Füllungen sehr willkommen sind; sie scheint aber erst unter den Diadochen nach Griechenland gekommen zu sein. Wahrscheinlich auch erst in dieser Zeit wurde die Edelkastanie eingebürgert: Ihre Früchte wurden nicht bloß gebraten und gekocht, sondern auch zu Mehl verarbeitet. Die Roßkastanie hingegen wurde erst gegen Ende des 595 sechzehnten Jahrhunderts aus Konstantinopel eingeführt; sie hat in dem überreichen Prunk ihrer leuchtenden Kerzen in der Tat etwas Türkisches. Ihre Bezeichnung führt sie wahrscheinlich daher, daß ihre Samen ungenießbar sind. Auch der Name des Meerrettichs stammt von »Mähre«, aus der Zeit, da man ihn noch nicht aß: Beides will soviel bedeuten wie »Pferdefutter«.

Ziemlich stark vertreten ist auf hellenischem Gebiet der Erdbeerbaum, ein anmutiges Gewächs mit lorbeerähnlichem, sich immer wieder erneuerndem Blattwerk und zarten hellen Blüten, oft bloß strauchartig: Er heißt so, weil seine Früchte, die aber geschmacklos sind, in Größe, Farbe und Oberfläche den Walderdbeeren gleichen; sie wurden im Altertum anstandslos verzehrt, später als angeblich ungesund gemieden, von den Vögeln aber zu allen Zeiten als Leckerbissen begehrt. Das Holz des Erdbeerbaums bildete in vielen Gegenden das wichtigste Brennmaterial, während man aus der harten Esche am liebsten Speerschäfte, aus dem glatten Buchsbaum Tafeln und Kästchen, Flöten und Schnitzbilder verfertigte. Die hohe breitwipflige Platane, die Genossin der Quellen und Bäche, war hauptsächlich wegen ihres Schattens geschätzt.

 << Kapitel 291  Kapitel 293 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.