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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 290
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Volk des Vordergrunds

Da die griechische Luft so wenig Dampf enthält, bildet sie nicht wie bei uns für das Auge ein trübendes Medium, das die Konturen verflüssigt, die Töne ineinanderwäscht und über das ganze Bild einen dämpfenden Flor zieht, sondern alles erscheint in festen Umrissen, klaren Kontrasten und starken Tinten, die sich in Griechenland noch zu einer besonders eindrucksvollen Palette vereinigen. Bei den hellenischen Tempeln und Bildwerken kolorierte der Himmel, das Meer, der Schnee der Berggipfel, das kahle Gehänge, das die prachtvollen Eigenfarben der Gesteine sehen ließ, unwillkürlich mit, und es ist fast unbegreiflich, daß man jahrhundertelang glauben konnte, die Griechen hätten inmitten dieser lärmenden Polychromie den Stein weiß gelassen. Diese Schärfe des Sehbilds hat aber auch einen Nachteil: infolge der Durchsichtigkeit der Luft erscheinen alle Gegenstände unnatürlich nahe gerückt und das Auge vermag ihre Entfernungen und gegenseitigen Abstände nur schwer zu taxieren. Daher kommt es wahrscheinlich, daß der Sinn für Perspektive bei den Griechen sowenig entwickelt war, während umgekehrt der Impressionismus in den feuchten Gebieten Europas geboren wurde: in England und Holland, Nordfrankreich und Venedig. In den Schöpfungen der Hellenen, ihren Dramen und Gedichten, Bauten und Gemälden, Staatsformen und Glaubenslehren ist alles Vordergrund. Sie waren die unübertrefflichen Meister der reinen und starken Linie: in jedem Satz ihrer Reden und Schriften, jedem Profil ihrer Tempel und Statuen, jedem Gedanken ihrer Philosophie und Mythologie. Es kam nicht selten vor, daß sie einen Redner auszischten, weil sein Gewand keine guten Falten warf, und auch ihr fast pathologisches Interesse für alle Arten von Gymnastik 589 und deren Schaustellung läßt sich nur begreifen, wenn man darin eine übermächtige Leidenschaft für schöne Form erblickt. Doch darf man die Bedeutung der Naturbedingungen, wie bereits hervorgehoben wurde, auch nicht überschätzen: wir haben im vorigen Bande gesehen, daß die Kreter schon in grauester Vorzeit den Schritt zum Impressionismus taten, und die Neugriechen hinwiederum sind, mit demselben Naturbild vor Augen, durch keinerlei klassisches Formtalent ausgezeichnet.

Das milde Klima hatte nun die weitere Folge, daß sich fast das ganze Leben des Hellenen außerhalb des Hauses abspielte, das er hauptsächlich nur zum Schlafen aufsuchte. Auf behagliche oder gar elegante Wohnzimmer legte er keinen Wert. Der Hauptraum war ein ungedeckter Hof, von einem Säulenumgang eingefaßt, der gegen die Sonne schützte. Die Fassaden, die, vollkommen schmucklos und nur durch das Portal, selten durch kleine Fenster unterbrochen, kalt und tot in die Straße blickten, verliehen dem Stadtbild ein orientalisches Gepräge. Wohlhabendere hatten ein paar Fremdenzimmer und einen kahlen Salon, die Prostas, wo sie Besuche empfingen. Alles andere spielte sich unter freiem Himmel ab: in den Stoen, städtischen Säulenhallen, wo man promenierte; in den Leschen, öffentlichen Gebäuden, die geradezu unseren Kaffeehäusern entsprachen, denn man kam dort ausschließlich zum Schwatzen zusammen; im Bazar, dem Deigma, wo man nicht bloß einkaufte, sondern auch Bekannte traf und Stadtneuigkeiten erfuhr; auf der Agora, wo Gericht und Markt gehalten wurde; an den Orten der Volksversammlungen (in Athen auf der Pnyx, die mit ihrem Felsenpodium, dem Bema, auf einem Hügel lag); in den Bädern und Turnschulen, den Rennbahnen und Theatern, die vor Tausenden von Zuschauern ihre Freiluftspiele veranstalteten. Daß alle Handwerke und Gewerbe im Freien betrieben wurden, verstand sich von selbst. Sogar die Philosophie 590 war keine Sache der Stube, denn alle großen Schulhäupter lehrten in offenen Anlagen und ihre Schulen hießen nach diesen: die platonische nach der Akademie, dem Hain des Akademos vor den Toren Athens, die aristotelische nach dem Wandelgange, dem Peripatos, die stoische nach ihrer Säulenhalle, die epikureische nach dem Garten ihres Stifters, die kynische nach dem Gymnasion Kynosarges; und Figuren wie Sokrates, die Sophisten oder Diogenes sind überhaupt nur auf der Straße zu denken. Noch im heutigen Griechenland hält der Arzt seine Sprechstunde mit Vorliebe vor der Apotheke, der Rechtsanwalt und sogar der Beamte auf der Caféterrasse, Angehörige aller Berufe trifft man in jedem unbeschäftigten Augenblick auf dem Korso, das Volk schläft von Mai bis September im Freien: im Hof, im Garten, auf dem Dache. Dasselbe taten die Myriaden von Besuchern, die zu den Festspielen nach Olympia strömten; es gab dort nur eine einzige Herberge, das Leonidaion (was etwa mit »Hotel Leonidas« zu übersetzen wäre) und auch dieses bestand erst seit dem vierten Jahrhundert und war kein Gasthof in unserem Sinne, sondern von einem Herrn Leonidas, einem reichen Peloponnesier, für Ehrengäste gestiftet.

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