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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Licht vom Westen

Ferner hat man auf die merkwürdigen Übereinstimmungen der Fauna und Flora hingewiesen, die zwischen der Alten und der Neuen Welt bestehen. Man hat zum Beispiel fossile Überreste des Kamels und des Pferdes, sogar des sogenannten »Urpferdes« in Amerika aufgefunden, und zwar nur dort. In der historischen Zeit verhielt es sich aber gerade umgekehrt: Pferd und Kamel waren auf der westlichen Halbkugel verschwunden und gelangten dorthin erst wieder durch europäische Vermittlung. Da es höchst unwahrscheinlich ist, daß dieselbe Tierspezies öfter als einmal entsteht, so glaubt man die Ähnlichkeit der ausgestorbenen Exemplare des Westens mit den späteren des Ostens nur dadurch erklären zu können, daß früher einmal eine Landbrücke bestanden hat; dieser Schluß ist allerdings nicht ganz zwingend, denn wir können nicht wissen, ob es nicht schon vor undenklichen Zeiten eine hochentwickelte Schiffahrt gegeben hat, die auch ohne das Bindeglied der Atlantis den Ozean zu durchqueren vermochte. Sehr nachdenklich stimmt es auch, daß sich ein phonetisches Alphabet sowohl bei den Phöniziern als auch bei den Indianern von Yukatan vorgefunden hat und daß über ein Dutzend dieser indianischen 62 Buchstaben die deutlichsten Beziehungen zu ägyptischen Hieroglyphen von derselben Deutung aufweisen. Hier ließe sich daran denken, daß Ägypten einmal eine atlantische Kolonie war und daß umgekehrt die Phönizier Atlantis besucht haben. Diodorus Siculus erwähnt, daß diese von der Küste Afrikas aus nach einer mehrtägigen Fahrt »eine große Insel im Atlantischen Ozean jenseits der Säulen des Herkules« entdeckten. (Es könnte sich in diesem Fall selbstverständlich nicht um richtige Phönizier, sondern nur um verschollene Voreinwohner des Landes gehandelt haben.) Übrigens sind die kulturellen Analogien zwischen den Ureinwohnern Amerikas und den alten Ägyptern auch sonst ganz erstaunlich. Beide verehrten die Sonnenscheibe, balsamierten die Leichen und erbauten Pyramiden, und zwar nach denselben Prinzipien der Himmelsorientierung und der inneren Architektur. Wir kommen auf diesen interessanten Gegenstand noch zurück.

Auch hier bestände jedoch die Möglichkeit, daß eine Besiedlung Ägyptens direkt von Amerika ausgegangen wäre. Aber die mexikanische Tradition berichtet, daß die Ureinwohner von Osten gekommen seien, nachdem das Land dort untergegangen war, und als die Spanier landeten, fanden sie, daß viele aztekische Städtenamen mit »atlan« gebildet waren. Es ist unter den Indianern Mittelamerikas eine allgemein verbreitete Legende, daß alle indianischen Stämme ursprünglich ein einziger Stamm gewesen seien und auf einer Insel gegen Sonnenaufgang wohnten. Durch Erdbeben und Überschwemmungen seien »zehn Länder« voneinandergerissen worden und versunken. Da haben wir wieder die platonischen zehn Könige von Atlantis. Wir müssen uns für diesen Fall vorstellen, daß diese Urindianer oder Atlantier ungefähr ebensohoch über den Untertanen Montezumas standen wie die klassischen Hellenen über den Griechen unter der Türkenherrschaft oder die alten Ägypter über den Fellachen; und dabei ist es außer Zweifel, daß auch 63 die Azteken noch eine sehr hohe Kultur besaßen. Sie behaupteten, diese ihrem Gott Quetzalcoatl zu verdanken, der von Osten gekommen sei. Er und seine Nachkommen hätten viele Jahre regiert und sich von den Indianern durch weiße Hautfarbe, blaue Augen und blonden Bart unterschieden: diese Version läßt die Möglichkeit offen, daß die Atlantier keine Rothäute, sondern vielleicht Indogermanen oder »Vorindogermanen« waren. Gerade zur Zeit Montezumas hatten die Priester die Wiederkunft Quetzalcoatls prophezeit; aber die weißen bärtigen Fremden aus dem Osten, die in der Tat kamen, waren keine Götter, sondern verruchte Banditen. Was die Spanier am meisten überraschte, war die Anbetung des Kreuzes, die unter den Azteken herrschte. Sie konnten sich dies nur als ein Blendwerk des Teufels erklären; es war aber wohl eher eine geheimnisvolle Ahnung, daß auch im Westen einmal das Evangelium erscheinen werde. Noch verblüffender aber ist die Ähnlichkeit des Wortes für »Gott« im Osten und im Westen. Es lautet im Sanskrit Dyaus, im Lateinischen Deus, im Griechischen Theos und Zeus und im Mexikanischen Teo und Zeo. Auch dies würde für indogermanische Zusammenhänge sprechen. Auf Atlantis weist auch der griechische Name »Hesperiden«, Bewohner des Westlandes, des »Landes im Abend«. Im griechischen Mythus sind die Hesperiden die Töchter des Atlas; die von ihnen behüteten Gärten liegen auf einem Eiland im fernen Westen. War also das Versinken der Atlantis eine Art »Untergang des Abendlands«? Auch über den Satz »ex oriente lux« müßte man in diesem Falle umlernen, denn, von uns aus gesehen, läge dann die Kulturwiege im Westen. Warum aber ist sie zugrunde gegangen? Weil die Atlantier ihre göttlichen Gaben mißbrauchten. Sie entweihten ihr Wissen durch selbstsüchtige Zwecke, indem sie es zur Erlangung von Macht und Reichtum, zur Demütigung oder Vernichtung anderer Völker verwendeten. Ihre okkulten Kräfte erniedrigten sie zur Zauberei, zur »schwarzen Magie«. 64

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