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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 289
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sonne, Wasser und Luft

Die hellenische Sonne ist sprichwörtlich. In der Tat haben meteorologische Beobachtungen, die sich über ein Vierteljahrhundert erstreckten, festgestellt, daß in Athen der Himmel durchschnittlich die Hälfte des Jahres vollkommen klar, an fünfundzwanzig Tagen stärker bewölkt und nur an drei Tagen gänzlich verhüllt war; der Rest waren sogenannte »meist heitere Tage«, an denen die Sonne höchstens für eine halbe Stunde unsichtbar war. Auch sternenlose Nächte zählte man nur drei im Jahr. Der Athener hat also nur an einem Dreizehntel, Norddeutschland dagegen mindestens vier Fünfteln des Jahres trübes Wetter. Allerdings galt selbst in dem hellen Hellas Athen 586 schon im Altertum als besonderer Liebling der Sonne. Selbst Ägypten hat keinen reineren Himmel. Von hier aus wird es begreiflich, daß der Grieche für halbe, gedeckte, gebrochene Beleuchtungen und die Romantik der Dämmerung gar kein Verständnis hatte: selbst seine Gespenster ließ er meist nicht in der Mitte der Nacht, sondern auf der Höhe des Tages erscheinen, und die schreckliche Empusa, ein flackerndes Traumgebilde, das wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Mittagsglut taucht, hat für unsere Begriffe gar nichts Unheimliches.

Diese Fülle des Lichts haben aber die Griechen durchaus nicht als reinen Segen empfunden, sondern die sengenden »Pfeile Apolls« waren verhaßt und gefürchtet. Aber auch der Regen war ihnen nicht recht, zumal da er in ihrem Lande meist nur als kurzer Sprühregen auftritt, der nicht mehr Wirkung hat als ein Spritzwagen, oder aber als wilder Sturzregen, der verheerend auf die Felder niederbraust, die Berge kahlwäscht, Felsschluchten mit polternden Wildbächen füllt und bisweilen sogar Kunststraßen zerstört, Wälder entwurzelt und ganze Verkehrstäler unter Wasser setzt. Wenn sie trotzdem Zeus anflehten, sich mit der Erde zu vermählen, so dachten sei dabei eben ganz buchstäblich nur an die Befruchtung; die »Poesie des Regentags« ist eine ganz unantike Vorstellung. Bei nassem Wetter wäre es niemand eingefallen, sich nicht sofort ins Haus zu flüchten oder gar, das Naturschauspiel betrachtend, mit dem Schirm spazierenzugehen, der denn auch im Griechischen skias, Schattenspender, heißt, wie auch im Lateinischen umbraculum und noch heute im Italienischen ombrello, während der Franzose bereits parapluie sagt.

Während der Sommermonate fällt fast gar kein Regen. Ein zweites Hemmnis der Vegetation ist die außerordentliche Trockenheit der Luft. Besonders um Athen hat sie einen so geringen Feuchtigkeitsgehalt wie in Europa sonst nur noch auf der kastilischen Hochebene und im Innern Siziliens. Die 587 dürren Sommer waren von alters her die Klage der Griechen. Dazu kommt, daß das Land nur wenige Gewässer besitzt, die den Namen des Flusses verdienen, und auch diese haben einen so kurzen Lauf und starken Fall, daß sie nur auf geringe Strecken schiffbar sind. Weitaus die meisten Adern sind bloß Bäche, die leicht durchwatet werden können und vielfach zur Sommerszeit vollständig austrocknen. Der Ilissos bei Athen, nach Wolkenbrüchen ein reißender Gießbach, ist für gewöhnlich ein dünnes Wässerchen, das bei Einbruch der Hitze gänzlich versiegt. Schon Homer unterscheidet »immer rinnende« und »winters strömende« Flüsse, und die geographische Wissenschaft bezeichnet die letzteren mit einem eigenen Fachausdruck: dem italienischen Wort Fiumara. Die künstliche Bewässerung hat daher im hellenischen Kulturgebiet immer eine große Rolle gespielt: Sie findet sich ebenfalls bereits bei Homer, und Plato vermag sich seinen Idealstaat nicht anders vorzustellen als durchzogen von einem Netz wohlgepflegter Irrigationskanäle. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß die Griechen den Quellnymphen eine so hohe Verehrung entgegenbrachten und auch den Tau vergötterten, der oft monatelang die einzige natürliche Erquickung der Pflanzenwelt bildet: Athena wurde in Doppelgestalt angebetet: als gestrenge Aglauros, die Lichtglänzende, unter deren Strahlen die Erde schmachtet, und als Pandrosos, die labende Tauspenderin.

Das Sommerbild der hellenischen Landschaft ist daher ziemlich trostlos. Die Haut der Erde wird rissig und schrumpft, die Felder verbrennen zu Stoppeln, die Pflanzenwelt versinkt in tiefen Schlaf. Staubhosen wirbeln empor, die wenigen immergrünen Gewächse, die überdauern, sind wie eingemehlt, die Flußbetten erstarren zu glitzernden Schutthalden. Grelle Wüstenfarben breiten sich über Berg und Tal, zur Mittagszeit verdichtet sich die zitternde Luft zu Hitzenebeln, sogar Luftspiegelungen schimmern auf: Empusa wird Wirklichkeit. Alles ist 588 still und tot, nur die Zikaden instrumentieren mit ihrer schrillen, eintönigen Musik passend die gleißende Öde. Aber des Nachts leuchten am glasklaren Himmel die Sterne wie goldenes Feuerwerk.

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