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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 288
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Temperaturen

Griechenland liegt in der gemäßigten Zone, aber in deren wärmster Region, und befindet sich unter gleicher Breite wie Kalabrien und Sizilien und die Südhälfte Spaniens; Klima und Pflanzen sind zum größten Teil mitteleuropäisch. Doch zeigen die griechischen Witterungsverhältnisse einige charakteristische Besonderheiten. Dazu gehört vor allem die lange, 584 ununterbrochene Sommerhitze, die vom Beginn des Juni bis tief in den September hinein die Luft in zitternde Glut taucht. Indes weht oft gerade zur Mittagszeit eine mildernde Seebrise, so daß die windstillen Morgenstunden als die drückendsten empfunden werden. Eine zweite Eigentümlichkeit des griechischen Klimas sind die schroffen Übergänge zwischen kühler und heißer Jahreszeit. Jäh steigt im Mai die Temperatur an und ebenso sprunghaft setzt der Herbst ein. Doch entspricht die Mittelwärme des Oktober noch immer unserem Juli und mitten im Winter gibt es Tage wie bei uns im September. Andrerseits nähert sich die Temperatur in jedem Winter dem Frostpunkt, und an einzelnen Tagen sinkt sie auch unter Null, bis zu sieben Grad. Kleine Eisbildungen auf stehenden Lachen sind nichts Ungewöhnliches, und auch der Schneefall ist in keinem Teil Griechenlands unbekannt: Das berühmte homerische Gleichnis von den Reden der Menschen, die wie Schneeflocken stöbern, war aus dem Leben geschöpft. Auch sonst schildert Homer öfters mit kundiger Anschaulichkeit, wie die weißen »Geschosse des Zeus« Land und Meer bedrängen. Hingegen war das reizvolle Bild der eingeschneiten Landschaft für den Griechen eine große Rarität, denn der Schnee schmilzt fast so rasch, als er fällt. Hymettos, Parnaß und die anderen hohen Berge tragen einen großen Teil des Jahres eine Schneehaube, aber ewigen Schnee gibt es nirgends, auch nicht auf dem Olymp. Wesentlich strenger als im eigentlichen Hellas sind die Winter bereits am Nordrand des Ägäischen Meeres. Als die Athener Potidaia (an der Wurzel des westlichsten der drei Finger der Chalkidike) belagerten, froren sie fürchterlich und nur Sokrates, der in allem ein Original war, ertrug die Kälte mit heroischer Gleichgültigkeit, indem er in seinem gewöhnlichen Gewande barfuß übers Eis wandelte. Als sie aber später gar den Winter in Thrakien kennenlernten, wo der Wein in den Krügen gefror und Ohren und Füße zur Fühllosigkeit erstarrten, 585 begannen sie die Fuchspelzkappen und langen Hosen der Eingeborenen nicht mehr so lächerlich zu finden.

Im allgemeinen aber scheint der antike Mensch gegen Temperaturschwankungen viel weniger empfindlich gewesen zu sein als der moderne. Es fehlte an jeglichen Schutzeinrichtungen gegen »Zugluft«, »Erkältung«, »Katarrh« und dergleichen. Die Heizung war höchst primitiv, die Häuser hatten Steinböden, schlecht schließende Türen, offene Fenster, durch die der Wind blies. Nestor gibt sich schweißbedeckt den Seewinden preis; man bedenke: ein Mann in seinem Alter und noch dazu praesente medico, denn der Feldarzt Machaon steht ruhig daneben. Speziell in Hellas mußte auch der soeben erwähnte scharfe Kontrast der Jahreszeiten zur Abhärtung beitragen. Dies hat schon Hippokrates erkannt (oder ein anderer, denn in der Sammlung, die seinen Namen trägt, hatten eine Menge medizinischer Autoren und Schulhäupter Unterkunft gefunden, sogar gegnerische, was übrigens bereits dem späteren Altertum bekannt war); in einer dieser Broschüren Über Luft, Wasser und Örtlichkeit wird auseinandergesetzt, daß das Klima einer der wichtigsten Faktoren für die Stählung der Konstitution sei: »Körper und Geist können unmöglich elastisch werden, wo nicht starke Wechsel stattfinden.«

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