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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 282
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Berge

Der Naturcharakter der griechischen Halbinsel läßt sich mit zwei Worten bezeichnen: der Mittelmeerforscher Theobald Fischer nennt sie ein maritimes Gebirgsland. Die reiche Gliederung ihres Reliefs sowohl wie ihrer Küste setzt sie zu Europa in ein ähnliches Verhältnis wie dieses zu den übrigen Erdteilen: Sie verdient in dieser Hinsicht das Europa Europas genannt zu werden; und nicht bloß in dieser Hinsicht. Steilaufschießende Bergketten, die nur schmalen Tälern Raum gewähren, erfüllen fast ihr ganzes Gebiet; Thessalien besitzt die einzige ausgedehnte Ebene in ganz Hellas. Der sprichwörtliche Unabhängigkeitssinn und Partikularismus der Griechen hat hier seine Wurzel und ebenso die farbige Mannigfaltigkeit der hellenischen Stammeseigentümlichkeiten, die immer wieder das 573 Staunen der Mitwelt und Nachwelt erregt hat: fast jeder größere Taleinschnitt hatte die naturgegebene Möglichkeit, eine eigene Welt zu bilden. Deshalb ist die ausschließliche griechische Staatsform, der Stadtstaat, die Polis, ein höchst eigenartiges politisches Gebilde, wie es sich in dieser extremen Zuspitzung in der gesamten Weltgeschichte nur noch bei den Phoinikern findet; und aus ähnlichen Gründen. Eine Zusammenfassung zu machtvolleren Herrschaftsgebieten ist nur in Lakonien und Attika gelungen und nur durch brutalste Gewalt unter steten Rückschlägen aufrechterhalten worden. Der Grieche ertrug keinen anderen Herrn über sich als seine Kommune und empfand jeden Versuch einer großstaatlichen Organisation bereits als Tyrannis. Die Kehrseite davon aber war, daß die Polis über ihre eng zusammengedrängten und streng abgeschlossenen Bewohner selber eine Tyrannei ausübte, wie sie ebenfalls in der Weltgeschichte fast einzig dasteht, und daß das Land sich in wahnwitzigen Bruderkriegen aufzehrte: die Geschichte des alten Hellas ist ein einziger großer Verwandtenmord, und nicht umsonst ist seine Sagenwelt angefüllt mit Familiengreueln. Die Überlieferung hat nur die Erinnerung an die großen Kämpfe aufbewahrt; aber ganz offenbar war der Krieg aller gegen alle, von Dorf zu Dorf, von Tal zu Tal, von Landschaft gegen Landschaft in Griechenland der Normalzustand. Deshalb ist auch die griechische Geschichte so kurz, denn auf die Dauer erträgt auch das lebenszäheste und waffentüchtigste Volk keine solche Selbstzerfleischung.

Andrerseits war Griechenland vermöge seiner Lage und Bodenbeschaffenheit mit den Mitteln, die der antiken Kriegstechnik zur Verfügung standen, nur äußerst schwierig, ja wohl überhaupt nur durch ein Einverständnis mit inneren Feinden zu erobern. Auf drei Seiten vom Meer umgeben und an allen seinen Küsten leicht zu verteidigen, konnte es nur von Norden her ernstlich gefährdet werden. Einer von dort eindringenden 574 Landarmee hatte aber die Natur eine ganze Reihe von Brustwehren entgegengestellt, und auch wenn eine von ihnen durch Übermacht, Fahrlässigkeit oder Verrat entfiel, erhob sich sofort dahinter eine neue. Auch dies ist einer der Gründe, warum es nie zu einer griechischen Einheit gekommen ist: sie war keine unbedingte nationale Notwendigkeit.

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