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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 280
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Kulturgeschichte Griechenlands

Leben und Legende
der vorchristlichen Seele

Erstes Kapitel

Ionischer Frühling

Das größeste Geheimnis ist der Mensch sich
selbst. Die Auflösung dieser unendlichen Aufgabe
ist die Tat der Weltgeschichte
Novalis

Seele und Umwelt

Daß der Mensch ein einfaches Bodenprodukt sei wie seine Brüder, die Pflanzen und Tiere, ist eine zu naheliegende Meinung, als daß sie nicht schon sehr früh aufgestellt worden wäre. In der Tat sehen wir sie bereits von Aristoteles vertreten, der sich seinerseits wieder auf den Chefarzt von Hellas stützt, Hippokrates den Großen, wie er ihn mit Recht nennt. Beide erklären ganz unmißverständlich, die Menschen seien im großen und ganzen genausoviel wert wie ihr Land und ihr Klima, mit dem sie in Körper und Seele übereinstimmen. Aber die nächstliegenden Gedanken sind nicht immer die tragfähigsten: das zeigt sich wiederum bereits bei Aristoteles, der aus seiner Theorie die Behauptung ableitet, daß die Bewohner der kalten Gegenden Europas tapfer, jedoch an geistiger Einsicht und an Kunstsinn arm und zu Herrschaft und echter Staatenbildung wenig befähigt seien. Dieser Schluß, für die damalige Weltlage vollkommen richtig, ist, von uns aus gesehen, haarsträubend falsch; denn niemand wird heute mehr die Ansicht wagen, daß es im Norden unseres Erdteils, auf einem Boden, wo Kant und Newton, Rembrandt und Shakespeare gewachsen sind, an geistiger Einsicht oder an Kunstsinn gefehlt habe und daß England, Rußland und Preußen keine Eignung zu Herrschaft und Staatenbildung erwiesen hätten. Es zeigt sich hier wieder einmal, daß alle 570 Geschichtsphilosophien ebensowohl wahr wie falsch sind: falsch vor dem Weltgeist, dessen Antlitz wandelbar oder vielmehr unerkennbar ist, und wahr als Ausdruck ihrer Zeit.

Die aristotelische Ansicht scheint das ganze Altertum beherrscht zu haben: auch ein so scharfer Geschichtsdenker wie Polybios erklärt, was die Sitten der Völker so gut wie ihre Gestalt und Farbe bilde, sei das Klima. Das Mittelalter dachte zu tief, um dieser allzu diesseitigen Weisheit zu huldigen. Aber im neunzehnten Jahrhundert ist sie wieder zu fast orthodoxem Ansehen gelangt, zumal durch Buckles Geschichte der Zivilisation in England, die geradezu ausschließlich davon handelt, indem sie an einer Fülle von Belegen, die aus allen erreichbaren Zeiten und Zonen zusammengetragen sind, zu erweisen sucht, daß der Mensch nichts sei als ein Geschöpf der Nahrung, des Erdreichs, der Witterung und des »allgemeinen Charakters der Naturerscheinungen«. Dies ist nicht mehr allzu weit entfernt von dem Bierwitz Ludwig Feuerbachs (den dieser aber ganz ernsthaft meinte): »Der Mensch ist, was er ißt«: der Homo wird zum Homunkulus degradiert, dessen Gaben und Schicksale in der Retorte der Natur mechanisch gebraut werden, und dem Geschichtsforscher bleibt nichts zu tun als hinter das Rezept zu kommen, nach dem jeweils verfahren wurde, um damit die Historie zum Range einer »echten Wissenschaft« zu erheben. Wir wollen aber nicht gar zu streng mit dem armen Buckle ins Gericht gehen, der bereits in jungen Jahren starb, und zwar am übermäßigen Materialsammeln: zweifellos eine der sonderbarsten Todesarten, von denen die Geschichte der menschlichen Verirrungen zu erzählen weiß. Er hatte nicht bloß, als ein echtes Kind des neunzehnten Jahrhunderts, seine Arbeitskraft, sondern auch, als ein echter Engländer, seine These überspannt. Aber in jedem redlichen und emsigen Bemühen steckt ein Kern von Wahrheit, der unsere Beachtung und sogar unsere Hochachtung verdient.

571 Was sowohl die Individuen wie die Völker bildet, ist ihr Talent und ihr Charakter. Woher diese beiden Kräfte stammen, weiß niemand; diese beiden aber einmal gegeben, ist die Umgebung, das »Milieu«, keineswegs gleichgültig. Auch das reichste Talent bedarf einer Atmosphäre, aus der es schöpfen, auch der stärkste Charakter eines Magnetfeldes, auf das er wirken kann. Unterernährung ist das Schicksal des Geistes, dem es an Eindrücken gebricht, Muskelatrophie das Los der Tatkraft, der das Material zum Handeln fehlt. Freilich könnte man sagen, daß der echte Geist alles in seine Nahrung zu verwandeln vermag und die rechte Tatkraft alles in ihr Material; aber wir wollen nicht in den Fehler Buckles verfallen und unsere Theorie auf die Spitze treiben. Etwas muß die Natur, das »Draußen«, schon auch dazutun: die Welt besteht nicht bloß aus Wille und Phantasie. Es verhält sich hier wie mit dem Reisen. Die Globetrotter sind sehr häufig gerade die stumpfsten und gewöhnlichsten Menschen; und bleiben es auch. Aber wenn der richtige Reisende die richtige Reise macht! Dann entsteht das Schöpfungswunder des Kontakts. Solche magische Berührung von Seele und Umwelt ist gewiß nicht die Regel, weder beim einzelnen noch bei Völkern; das liegt schon im Wesen des Wunders. Und trotzdem, was vielleicht das wunderbarste an der ganzen Sache ist, besteht die Weltgeschichte aus lauter solchen Mirakeln.

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