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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Atlantis der Zugvögel

Im Jahre 1882 erschien ein Buch »Atlantis, the antediluvian world« von Ignatius Donnelly, das ein ähnliches Aufsehen erregte wie Schiaparellis ungefähr gleichzeitige Entdeckung der Marskanäle. Darin wurde dargelegt, daß die versunkene 60 Atlantis ein großer Kontinent inmitten des Ozeans gewesen sei; seine höchsten Bergspitzen waren Madeira und die Azoren, die noch heute über den Meeresspiegel emporragen. Im Laufe einer vieltausendjährigen Geschichte verbreiteten sich die Atlantier nicht nur über ihre Insel, sondern fluteten auch nach Mexiko, Südamerika, Westafrika, Südeuropa hinüber: als das Reich seine größte Ausdehnung besaß, erstreckte es sich von den Kordilleren bis Vorderindien. Atlantis zerfiel in drei Höhenzonen: das Gebiet der vulkanischen Berge, die Tafelländer, wo die Könige residierten, und die »große Ebene«. Das Klima war subtropisch, sehr angenehm; und von hier ist alle menschliche Kultur ausgegangen. Von den Atlantiern stammen nicht nur der Ziegelbau und der Seidenbau, die Kultivation der Getreidearten und Edelfrüchte, die Domestikation des Rindes und Pferdes, sondern auch der Kompaß und das Schießpulver, die Stahlbereitung und Papierfabrikation, die Astronomie und das Alphabet, auch die Beschneidung zum Schutz gegen die amerikanische Syphilis. Atlantis, das paradiesische Land der Fruchtbarkeit und des Friedens, ist der Garten Eden, die Insel der Seligen, der Olymp, Asgard, jenes Traumbild einer schöneren Vergangenheit, das bei allen Völkern wiederkehrt. In Mexiko und Peru, Ägypten und Babylonien erhielten sich letzte Reste atlantischer Tochterzivilisationen.

Seitdem sind weitere Bestätigungen dieser Annahmen hinzugekommen. Wissenschaftliche Expeditionen, in erster Linie durch das englische Kanonenboot »Challenger« und den amerikanischen Dampfer »Delphin«, haben sehr sorgfältige Tiefenmessungen ausgeführt und den ganzen Boden des Atlantischen Ozeans kartographiert, mit dem Resultat, daß eine ungeheure Höhenkette entdeckt wurde, die sich von Irland bis zu den Azoren erstreckt; einzelne Spitzen erheben sich bis zu einer Höhe von 2700 Meter. Geologische Untersuchungen haben ergeben, daß diese Bergwelt mit den Antillen verwandt ist und daß sie 61 gegen Ende der letzten Eiszeit versunken sein dürfte; ob allmählich oder plötzlich, läßt sich nicht mehr feststellen. Ferner hat man beobachtet, daß sich alljährlich Scharen von Zugvögeln in der Gegend der einstigen Atlantis versammeln und suchend über den Wassern kreisen: die Erinnerung ihrer Gattung wittert hier Land; offenbar mit derselben unfehlbaren Instinktsicherheit, die sie bei ihren Reisen nach dem Süden bestimmte geometrische Figuren formieren und fernste Nistplätze in jeder Saison wiederfinden läßt. Wie sie hier einem geheimnisvollen Kompaß folgen, so leitet sie bei der Atlantis eine Bussole, die Tausende von Jahren und Kilometern überbrückt. Diese Vögel sind zuverlässigere wissenschaftliche Führer als die vagen und willkürlichen Konjekturen der Archäologen.

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