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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 276
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das England der Ägäis

Und vielleicht hatten die Kreter auch schon ihren Shakespeare! Ein Theater mit ansteigenden Sitzreihen und kreisrunder Orchestra in der Mitte haben sie jedenfalls besessen, aber was dort aufgeführt wurde, wissen wir natürlich nicht: vielleicht nur Schaustellungen und Tierkämpfe wie im kaiserlichen 561 Rom. Manche Forscher glauben auch, daß das Epos eine kretische Erfindung sei. Aber die gesunde, schlichte Kraft Homers können jene Poeten nicht besessen haben und noch weniger dessen lichtvoll gliedernde Komposition: auch die Dichtungen der Kreter werden nur farbenschillernde Blasen gewesen sein, Luftspiegelungen einer Phantasie, die mit allem bloß spielt. Und daß sie von rauschender Kriegsmusik erfüllt waren, ist ebenfalls sehr fraglich. In der bildenden Kunst Kretas fehlen Darstellungen von Kämpfen, ja sogar von Jagden vollkommen, wiederum im Gegensatz zu Mykenai. Man wird auch hier an England erinnert, das, trotz Imperialismus und Dreadnoughts, immer ganz unmilitaristisch gewesen ist. Daß Kreta überhaupt in jener ägäischen Welt ein kleines Großbritannien war, indem es einen Teil der Inseln und vielleicht auch die griechische Gegenküste durch Stützpunkte beherrschte, ist ein Schluß, den die historische Logik nahelegt. Als Wirtschaftsmacht stand es zweifellos an der Spitze: es scheint den ganzen Seehandel für sich monopolisiert zu haben. Die wichtigsten Exportartikel waren Öl und Erzeugnisse des Kunstgewerbes, Wagen und Waffen. Die natürlichen drei Hauptrouten gingen über Kyrene nach Ägypten, über Zypern nach Syrien und über die Kykladen nach Kleinasien. Eine solche weitausgreifende Verkehrspolitik setzt straffe Zentralisation in der Landesverwaltung voraus. Daß trotz den zahlreichen Herrscherpalästen Teilfürstentümer nicht bestanden, geht aus dem Mangel an Befestigungen hervor. Knossos, die nördliche, und Phaistos, die südliche Residenz, zeigen bis ins kleinste dasselbe Anlageschema. Sie haben offenbar einem stattlichen Hofstaat zum Wohnraum gedient. Aber in überraschendem Kontrast zum übrigen Orient tritt der König auf den Gemälden niemals hervor, geschweige denn daß er, wie in Ägypten, in Überlebensgröße auf den Wänden thronte. Alles mutet hier fast republikanisch an. Vielleicht lag die Macht ganz in den Händen eines 562 Adelsregiments und der Herrscher spielte nur eine Mikadorolle; vielleicht auch (denn wir haben es hier mit einer sehr erlesenen Kultur zu tun) hat ein besonderes Taktgefühl ihn gehindert, sich in den Mittelpunkt zu drängen.

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