Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 272
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Kretische Wirklichkeitskunst

Auf Kreta gehen die neolithischen Funde in sehr frühe Zeiten hinauf, wahrscheinlich bis ins fünfte Jahrtausend: primitive Tonsachen von grauer, mitunter auch roter Färbung, 555 Steinwaffen und Knochengeräte. In der Zeit, die Evans als »Early Minoan« bezeichnet hat, dem dritten Jahrtausend, versteht man es bereits, die Gefäße mit glänzendem Firnis zu überziehen und in geometrischem Stil zu ornamentieren oder in farbenprächtigen Kontrastwirkungen zu schecken, zu ädern, zu flammen. Zu Anfang des Middle Minoan bezeichnet um 1900 der Kameresstil einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Verzierung: die bisher rein linearen Motive verlebendigen sich zum Pflanzenornament, ohne aber jemals bis zum Realismus zu gehen. Eine hohe Musikalität ist die hervorstechendste Eigentümlichkeit dieses Stils. Gegen Ende der mittleren Epoche, um 1700, hat ein großer Brand den Palast von Knossos zerstört. Da nur das Fundament aus Steinquadern, der übrige Bau aus Lehm und Holz bestand, kann es sich sehr wohl um eine Feuersbrunst gehandelt haben, die um so leichter ihr Werk zu verrichten vermochte, als auf der Anhöhe, die das Gebäude trug, nicht viel Wasser zum Löschen vorhanden gewesen sein kann. Auch an ein Erdbeben könnte man denken. Die Möglichkeit eines feindlichen Überfalls ist aber nicht auszuschließen, nur können es damals noch nicht Griechen gewesen sein, da sich kretische Beutestücke aus dieser Zeit auf dem Festland nirgends vorgefunden haben. Vielleicht waren es die Hyksos, denen gerade damals auch Ägypten zum Opfer fiel. Aber während sie dort lange Zeit saßen, können sie auf Kreta keinesfalls Fuß gefaßt haben, denn von einer Fremdherrschaft fehlt jede Spur. Vielmehr hat die Brandkatastrophe, die nicht lange darauf auch den Palast von Phaistos verschlang, nur eine neue und noch viel glänzendere Kunstblüte eingeleitet. Mit einem Schlage (so erscheint es wenigstens unserem verkürzenden Rückblick) befinden wir uns auf der Höhe eines starken und eigenartigen Vollnaturalismus. Polyp und Delphin, Koralle und Alge, Papyrus und Riedgras, Muscheln und Schmetterlinge dekorieren in fast bizarrer Lebendigkeit Wände und Gefäße. Kleine farbige 556 Fayencereliefs charakterisieren mit verblüffender Anschaulichkeit die heimische Tierwelt in Ruhe und Bewegung: die grasende Wildziege in ihrer grazilen Ruhelosigkeit, die säugende Kuh in ihrem stumpfen Phlegma. Auf den Raum eines Siegels sind Landschaftsstimmungen gezaubert: kahle trauernde Bäume im Wintersturm, oder kleine Novellen wie der groteske Kampf eines Schiffers mit einem Seeungeheuer. Die Hallen waren mit herrlichen Fresken bedeckt: Hier sah man Hirsche, Stiere, Löwen, gestreckten Laufs in der Luft hängend, dahinsausen, eine Katze inmitten bunter Blumen einen Fasan beschleichen, einen riesigen Vogel Greif zwischen Stauden sitzen, einen Pavian in einem Strauch lauern. Aber auch die Menschenwelt fehlt nicht: Ein Knabe in Dunkelblau sammelt Krokusblüten in einem Korb, Herren und Damen in Balkonlogen ergötzen sich an Stierkämpfen, schaulustiges Volk drängt sich unter Ölbäumen. Jedes Naturding ist in seinem einmaligen Eigenleben erfaßt: der träge Seestern, die schleimige Qualle, der wandernde Nautilus, der Busch, der im Winde schwingt, die Blume, die in der Sonne träumt, sogar der fliegende Fisch! Und alles hat Atmosphäre. Dergleichen hat die griechische Kunst niemals auch nur versucht.

Hingegen haben die Kreter wiederum niemals daran gedacht, eine bedeutende Skulptur hervorzubringen. Ihre Kunst war eben durchaus malerisch und musikalisch. Große Statuen haben sie überhaupt nicht gemacht, und ihre Kleinplastik ist im Nippeshaften steckengeblieben. Interessant aber ist es, daß sie sich hier an die kühnsten Experimente gewagt haben, die bereits außerhalb der Aufgabe der Rundbildnerei, und zwar abermals im Gebiete des Malerischen, liegen. Die Elfenbeinfigur eines Jünglings zum Beispiel soll offenbar darstellen, wie dieser mit Anspannung aller Muskeln im »Hechtsprung« über einen Stier hinwegsetzt: ein Momentbild, wie es nur die fotografische Kamera festzuhalten vermag. Man wird an die 557 Barockplastik erinnert, die ebenfalls im starren Stein Dinge zu gestalten suchte, die man bisher kaum dem Pinsel zugemutet hatte: Blitze, Flammen, Wogen, flatternde Bärte und Gewänder. Eines ist jedenfalls offenkundig: den kretischen Künstler interessiert nur der Augenblick. Wenn man will, ist dies die höchste Wirklichkeitskunst; denn jede Art von Querschnitt, Gruppierung, Aussparung, Zusammenfassung entfernt von der Wirklichkeit. Aber ist es auch die höchste Kunst?

 << Kapitel 271  Kapitel 273 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.