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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 271
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Reich des Minos

Die Kultur Kretas hingegen, die zweifellos noch viel interessanter war als die trojanische und mykenische, hat keinen Homer gefunden. Sie ist eine der größten Überraschungen, die der historischen Forschung jemals beschert worden sind. Ihre Kenntnis ist nicht älter als unser Jahrhundert. Nachdem schon Schliemann daran gedacht hatte, auf Kreta zu graben, aber wegen der unverschämten Geldforderungen, die an ihn gestellt wurden, davon abgekommen war, brachte Arthur Evans, der Sohn eines reichen englischen Fabrikanten, den Plan zur Ausführung und legte zunächst in den Jahren 1900 bis 1905 bei Knossos den »Palast des Minos« frei. Was zutage trat, übertraf noch weit die mykenischen Funde: aus dem Nebel der Jahrtausende stieg ein kokettes Lustschloß von höchst verwickelter und raffinierter Bauart, in der Tat ein Labyrinth, von dem also die Griechen ebenfalls nicht bloß so ins Blaue gefabelt hatten. 553 Und auch der sagengewaltige Minos hat zweifellos gelebt; nur hieß so vermutlich nicht eine einzelne Persönlichkeit, sondern jeder Herrscher, vielleicht auch handelte es sich, wie gesagt, um eine in Tiergestalt verehrte Gottheit, am wahrscheinlichsten um beides: den mit der Gottheit identifizierten König, wie ja auch Pharao nicht, wie man früher glaubte, einen Eigennamen, sondern einen Gattungstitel bezeichnet.

Kreta ist mit seiner Ausdehnung von mehr als achttausend Quadratkilometern die fünftgrößte Insel des Mittelmeers und wird in dessen östlicher Hälfte nur von Zypern an Umfang übertroffen. Das Land ist zu einem großen Teil von wilden, vegetationsarmen Gebirgen erfüllt, die bis zu Höhen von 2500 Metern emporsteigen. Während im Süden die Felsen steil ins Meer fallen und keine Häfen gestatten, bietet der Norden mit seinen sanft ansteigenden Hügeln, fruchtbaren Niederungen und reichgegliederten Küsten Raum für Siedlung und Seeverkehr. Dort befinden sich die Ruinen von Knossos. Die größte Ebene der Insel, Messara (Mittelland) genannt, liegt südlich, und hier, bei Phaistos, haben Grabungen einen zweiten Palast bloßgelegt. Das Klima Kretas ist subtropisch, sehr milde, die Hälfte des Jahres fast regenlos, und begünstigt jegliche Art von Pflanzenwuchs. Die Insel zählte im späteren Altertum etwa 200 000 Einwohner und kam bei der Reichsteilung an Ostrom, zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts an die Venezianer, in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts an die Türken, 1913 an Griechenland. Es ist eine Lücke im System des britischen Imperialismus, daß dieses im Süden unangreifbare, im Norden sehr leicht zu befestigende Eiland, das wie ein Riegel zwischen der Ägäis und Ägypten liegt, nicht englisch ist; aber die englandfreundliche Haltung der Türkei im neunzehnten, Griechenlands im zwanzigsten Jahrhundert bot zu einer solchen Annexion keine Handhabe.

Die Urkreter, wie sie uns sowohl auf ihren eigenen wie auf 554 den ägyptischen Gemälden entgegentreten, waren weder von indogermanischem noch von semitischem Typus; einerseits schwarzhaarig, dunkelfarbig, von kaum mittelgroßem Wuchs, andrerseits gradnasig, schlichthaarig und von ungewöhnlich feingliedrigem Körperbau. Solche schlanken Jünglinge mit zarten Gelenken, kleinem Kopf und auffallend schmaler Taille sieht man noch heute auf Kreta. Auch die Schriftdenkmäler, zu deren Deutung bisher jeder Schlüssel fehlt, weisen auf eine Sprache, die mit keiner indogermanischen oder semitischen irgendwie verwandt ist. In der Bilderschrift finden sich zahlreiche Pflanzen- und Tiermotive: Seepferd und Spinne, Thunfisch und Tintenfisch, Lilie und Iris. Sie stand wahrscheinlich unter ägyptischem Einfluß; doch entwickelte sich aus ihr im Lauf des zweiten Jahrtausends eine eigene Kursive. Knossos hatte besondere Hofkalligraphen; und dort hat man ein Archiv von mehr als fünfzehnhundert Tontafeln gefunden, was wieder mehr nach Babylonien weist. Aus den häufig vorkommenden Zahlzeichen kann man schließen, daß es sich um Inventare und Rechnungen handelt. Die Kreter besaßen nämlich offenbar ein ausgebildetes Dezimalsystem, da sich dreierlei Zeichen nebeneinander vorfinden, die sich nicht öfter als neunmal wiederholen, also vermutlich 1, 10, 100 bedeuten; in diesem Punkte also haben sie sich nicht an Babylonien orientiert. Häufig sind auch Waagschalen abgebildet, was sicher ebenfalls eine rechnerische Bedeutung hat. Es ist ein katastrophales Loch, daß es keinen kretischen Stein von Rosette gibt. Die Ägypter haben zweifellos kretisch verstanden, aber Paralleltexte oder gar Wörterbücher zu verfassen ist ihnen leider nie eingefallen. Das Kretische war eben ein bloßes Inselidiom, das sich zu den Weltsprachen: dem Ägyptischen und Babylonischen, etwa verhielt wie das Japanische zum Englischen und Französischen.

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