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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Platos Atlantis

Hier tritt uns sogleich ein geheimnisvoller, vielsagender Name entgegen: Atlantis! Namen bedeuten immer etwas, und so ist es gewiß kein Zufall, daß das mächtige Atlasgebirge im Norden Afrikas und der gewaltige Ozean, der Europa von der Neuen Welt trennt, seit unvordenklichen Zeiten ebenso hießen wie jene sagenumsponnene Zauberinsel: Hier schimmert aus grauen Fernen der letzte Abglanz eines verschollenen Erdkreises. Die jüngste Kunde von ihm hat uns Plato aufbewahrt. Dieser erzählt in seinen Dialogen Timaios und Kritias, Solon, mit dem er verwandt war, habe eine Geschichte der Atlantis in Versen hinterlassen, die er ägyptischen Priestern verdankte. »Jung seid ihr alle an Geist«, hatten sie zu ihm gesagt, »denn in eueren Köpfen ist keine Anschauung aus alter Überlieferung und kein mit der Zeit ergrautes Wissen. Euer Altertum hat keine Geschichte und euere Geschichte kein Altertum.« Nach ihren geheimen Urkunden lag einst vor den »Säulen des Herakles« (der Straße von Gibraltar) eine Insel, größer als Libyen 57 (Nordafrika) und Asien (das damals bekannte, also: Vorderasien) zusammengenommen, und von ihr gab es damals einen Übergang nach dem gegenüberliegenden Festland, welches von jenem Meer bespült ist, »das eigentlich allein den Namen Meer verdient; denn unser Meer ist nichts als eine Bucht mit schmalem Eingang«. Die Könige von Atlantis beherrschten nicht nur die umliegenden Inseln und Teile jenes Festlands, sondern auch »Libyen bis nach Ägypten hin« und Europa bis Tyrrhenien (Etrurien). Jenes Meer, das allein diesen Namen verdient, kann nur das Atlantische, jenes gegenüberliegende Festland nur Amerika sein. Atlantis, sagt Plato, war das fruchtbarste Land der Erde. Sogar für die riesigen Elefantenherden war Futter in reicher Menge vorhanden. Das am häufigsten verwendete Material war das allenthalben geförderte »Goldkupfererz«, ein prachtvolles Metall, das wir nicht mehr kennen. Ungeheure bronzebeschlagene Zyklopenmauern umgaben die Städte, die »Akropolis« war durch einen Ringwall aus Bleiplatten geschützt. Ganz Atlantis war von einem gigantischen System von »Marskanälen« durchzogen, aber es gab auch unterirdische Bewässerungsanlagen, ja sogar unterirdische Häfen, die ganze Flotten aufnehmen konnten. Die Streitmacht eines einzigen atlantischen Königreichs belief sich, wie Plato angibt, auf 10 000 Streitwagen, 1200 Kriegsschiffe und 1 200 000 Soldaten. An solchen Herrschaftsgebieten besaß aber die Insel allein zehn. Eine viele Millionen zählende Heeressäule setzte sich etwa neuntausend Jahre vor Solon »in hellem Übermut« gegen Europa in Bewegung; aber die Hellenen geboten ihr Halt, wie später der Übermacht der Perser. Viele Menschenalter hindurch hatten die Söhne der Atlantis ihre Verwandtschaft mit den Göttern nicht verleugnet. Darum achteten sie alle Glücksgüter gering und machten sich nichts aus der Masse des Goldes und des übrigen Besitzes, die ihnen eher wie eine Last erschien. Aber allmählich begann ihr Wesen sich zu entgöttern und verruchte 58 Habsucht und Machtgier ihre Seelen zu erfüllen. Da beschloß der Gott der Götter, Zeus, »der einen scharfen Blick für dergleichen hat«, sie zu züchtigen, um sie dadurch zur Besinnung zu bringen. Er berief daher eine Götterversammlung . . . hier bricht der Bericht ab. Aber an anderer Stelle sagt Plato, es seien Erdbeben und Überschwemmungen gekommen, und »während eines schlimmen Tages und einer schicksalsschweren Nacht« sei die Insel im Meere verschwunden.

Die Realität der platonischen Atlantis ist schon im Altertum von Strabo und Plinius angezweifelt worden. Alexander von Humboldt hielt das Ganze zwar auch für eine Fabel, glaubte aber daran, daß Solon sie aus Ägypten mitgebracht habe, wohin sehr wohl eine dunkle Kunde von Amerika gelangt sein könne. Erwin Rohde erklärte in seinem vortrefflichen Werk über den griechischen Roman unter dem Einfluß der rationalistischen Skepsis, zu der sich damals jeder Mann der Wissenschaft verpflichtet fühlte, die beiden Schilderungen für dichterisches Spiel und Illustration des Idealstaates. Eine solche Absicht liegt zweifellos Bacons Nova Atlantis zugrunde; wenn aber Plato einer philosophischen Utopie die Darstellungsform gegeben hätte, wie er sie beide Male gewählt hat, so hätte er sich im Stil vollkommen vergriffen, was wir einem so großen Künstler doch nicht gut zutrauen können.

Ein gewisses Mißtrauen gegen die Ernsthaftigkeit des platonischen Berichtes hat sich bis zum heutigen Tag erhalten; man versucht ihn zumindest abzuschwächen. Leo Frobenius, der geniale Begründer der »Kulturmorphologie«, machte auf einer seiner Forschungsreisen in der Nähe der Negerstadt Benin Funde einer hohen uralten Kultur und lokalisierte daher Atlantis im Jorubaland in Oberguinea, Westafrika, in der Gegend der Nigermündung. Frobenius ist ein wenig zu sehr fasziniert von der afrikanischen Kultur und reagiert auf die bisherige Unterschätzung dieses Erdkreises mit einer Überschätzung. 59 Außerdem liegt dieses Atlantis zwar jenseits der Säulen des Herakles und erzeugt Elefanten und südliche Früchte aller Art, wie es im »Kritias« eingehend geschildert wird, aber Plato spricht ausdrücklich von einer Insel und von einer außerordentlich großen. Es könnte sich also hier höchstens um einen Ableger der atlantischen Kultur handeln.

Noch bescheidener ist die Hypothese von Adolf Schulten, der Atlantis mit dem alten Tartessos identifiziert und ins Mündungsgebiet des Quadalquivir verlegt. Wenn Plato behauptet, die Insel sei größer gewesen als Libyen und Asien zusammengenommen, so meinte er damit nach Schulten die Ausdehnung des Handelsgebietes; und wenn er erzählt, sie sei während eines Tages und einer Nacht verschwunden, so bezieht sich das auf die Sperrung der Straße von Gibraltar durch die Karthager, die Tartessos von heute auf morgen aus dem Bereiche der hellenischen Schiffahrt spurlos verschwinden ließ. Es ist aber nicht recht verständlich, warum Plato, wenn er dieses meinte, jenes gesagt haben soll. Ebensowenig Überzeugendes hat die Theorie von Richard Hennig, Atlantis sei Tartessos und zugleich die Phäakeninsel Homers, die dieser als ein blühendes Land im Westen schildert, »am Ende der Welt gelegen«, bewohnt von unkriegerischen, aber höchst seetüchtigen Kauffahrern, umgeben von »türmenden Mauern« und geschmückt mit erzstrahlenden Bauwerken; denn diese Angaben können auf jede reiche Handelskolonie bezogen werden, und wie fern oder wie nah sich Homer das Ende der Welt dachte, ist schwer zu sagen; auch hätte Plato, wenn Atlantis wirklich nichts anderes war als die jedem Kinde in Hellas bekannte Insel Scheria, dies unbedingt erwähnen müssen.

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