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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 269
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Neunmal Troja

Troja lag, die Einfahrt in die Dardanellen beherrschend, auf einem Hügel im Nordwestzipfel Kleinasiens. Seine Lage wurde sein Schicksal: Immer wieder lockte es feindliche Mächte zur Zerstörung, immer wieder wurde es von neuem besiedelt. Schliemann konstatierte sieben Bewohnungsschichten, neuerdings zählt man sogar neun: Die erste gehört der Steinzeit des vierten Jahrtausends an, die jüngste der Römerzeit. Der älteste Name, Dardaner, den die Griechen der Bevölkerung beilegten, hat sich in einer am Hellespont, nahe bei Ilion gelegenen Stadt Dardanos erhalten. Unmittelbar am Eingang zur Meerenge mündet der bedeutendste Fluß des Gebiets, der Skamander, der in seinem Unterlauf eine breite, fruchtbare Ebene durchströmt. Der türkische Name Asarlik bedeutet Trümmerstätte. Nicht bloß die Türken, sondern auch die Byzantiner haben sich um den Schauplatz der Ilias niemals gekümmert, aber noch Konstantin der Große schwankte bei der Wahl seiner Residenz zwischen Konstantinopel und Ilion, und zur römischen Kaiserzeit gehörte es zum guten Ton, Troja zu besuchen, wo von Fremdenführern die Lyra des Paris, der Ort, wo er sein Urteil fällte, das Brettspiel Hektors und ähnliches gezeigt wurde. In der neueren Zeit hingegen mißtraute man Homer so sehr, daß man Agamemnon für eine altgriechische Gottheit erklärte.

Die erste Schicht (von unten nach oben gesehen) kennt man 549 sehr wenig. Nur ein kleines Stück ist aufgedeckt; aber jedenfalls kann Troja I noch keine sehr ansehnliche Burg gewesen sein. Der Charakter ist, wie gesagt, noch durchaus steinzeitlich; aber das Kupfer war wahrscheinlich schon bekannt, obschon als Gebrauchsmetall noch zu kostbar. Gefunden wurden Hämmer, Äxte und Keulenköpfe aus Nephrit und Obsidian, Nadeln aus Knochen, Krüge, Näpfe, Becher aus Ton mit einfachen Ornamenten, meist weiß auf schwarz. Troja II hat während der ganzen zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts geblüht. Es besaß eine fünf Meter dicke, aus Holz und Lehm erbaute Burgmauer, die mehrere Paläste umschloß, und kupferne Beile und Dolche, goldene und silberne Gefäße, kostbare, aber noch ziemlich rohe Schmucksachen. Es ist nicht unmittelbar auf Troja I gefolgt; die Stätte war längere Zeit, vielleicht Jahrhunderte hindurch, verlassen. Die Keramik, in Troja I handgemacht, ist nunmehr schon vielfach mit der Scheibe hergestellt. Besonders charakteristisch sind die sogenannten Gesichtsurnen: Gefäße, die Nase und Mund, Ohren und Augenbrauen, Brüste und Nabel nachahmen. Das Gebrauchsmetall ist die Bronze; an einzelnen Prunkstücken findet sich auch Lapislazuli, Bergkristall, Karneol. Es war die erste große Glanzzeit der Stadt. Eine ungeheure Katastrophe muß ihr den Untergang gebracht haben: Sie wurde mit dem gesamten Komplex an Mauerwerk und Wohnbauten ein Raub der Flammen, nicht einmal die Schätze aus den Häusern konnten gerettet werden, und wiederum blieb das Areal eine weite Zeitstrecke hindurch unbesiedelt oder dürftig besiedelt. Troja III, IV und V waren offene Dörfer mit ärmlichen Häusern. Erst Troja VI ist die Stadt des Priamos, die von den Söhnen des Atreus erobert wurde. Ihre Kultur entspricht genau der mykenischen. Mächtige Fürsten herrschten auf der Hochburg, die gleich den festländischen aus riesigen, sorgfältig geglätteten Quadern erbaut war und an Umfang und Höhe die der zweiten Stadt weit übertraf; in den 550 Häusern, die den nordischen Megarontypus aufweisen, wohnten Pracht und Reichtum. Die Funde zeigen zugleich an, daß der Handelsverkehr sich weit in die griechische, ägyptische und babylonische Welt erstreckt haben muß. Man wird sich diese Seemetropole nicht viel geringer an Bedeutung vorstellen dürfen als Brügge oder Venedig im ausgehenden Mittelalter; die Ilias gibt davon, wie gesagt, eine etwas zu kindliche Vorstellung. Ihre Hochblüte fiel in die zweite Hälfte des zweiten Jahrtausends. Ihre Zerstörung war keine so vollkommene wie bei der zweiten Stadt; gleichwohl hat sie sich von diesem Schlage nie wieder erholt: Troja VII und VIII sind wieder kümmerliche Fischernester, an denen bloß der große Name haftet. Alexander beschloß, das heilige Ilion wiedererstehen zu lassen, aber erst einer seiner Diadochen, Lysimachos, führte den Plan aus und ließ eine kleine Stadt mit Mauern und einem schönen Athenetempel errichten, zu der die Spätantike bewundernd wallfahrtete, zumal die Römer, die bekanntlich behaupteten, von Äneas abzustammen. Daß die Neugründung sich nicht an der Stelle der alten Stadt befinde, behaupteten schon im Altertum einzelne Gelehrte, ohne auf das große Publikum Eindruck zu machen. Das Bild, wie es die jetzigen Forschungen bieten, zeigt eine so lange und wechselvolle Geschichte, wie sie keine einzige Stadt Europas gehabt hat; auch Rom nicht. Die Blätter des Buches, das von ihr erzählt, sind freilich zerrissen.

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