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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 268
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Schliemann

Durch Schliemann ist Homer bekanntlich glänzend gerechtfertigt worden. Bis dahin gehörte es in wissenschaftlichen Kreisen zum guten Ton, den Namen Troja zu vermeiden. Aber man müßte eigentlich sagen: Homer hat Schliemann gerechtfertigt, denn was würden dessen Grabungen für uns bedeuten ohne 547 den Gesang vom Zorn des Achill? Schliemanns Troja des Spatens läßt sich widerlegen wie jede Realität des Augenscheins; und es ist auch bereits widerlegt worden. Tatsachen sind etwas sehr Trübes, Zweideutiges und Vergängliches; ihren göttlichen Sinn, der ewig ist, vermag nur der Dichter zu entschleiern. Selbst die Pyramiden: was sind sie anderes als stumme Riesenleichen, großartige Monstrositäten? Troja ist nur ein Schutthügel, aber ein redender: durch die Zunge Homers entflammt seine Geisterstätte noch heute das Herz jedes Schulknaben.

Einer dieser begeisterten jungen Homerleser war auch Heinrich Schliemann. Er faßte bereits im Jahr 1830, acht Jahre alt, den Plan, einmal Troja auszugraben. Ein bedeutendes Vermögen, das er sich in Rußland als Großhändler erworben hatte, gewährte ihm die Mittel zur Ausführung seines Projektes. Im übrigen war er weder ein Künstler noch ein Gelehrter, sondern bloß ein enthusiastischer Dilettant, ein prachtvolles Original. Gewinnsüchtige Absichten lagen ihm selbstverständlich vollkommen fern; aber daß er doch ein wenig Kaufmann geblieben war, zeigte die gigantische Reklame, mit der er seine Entdeckungen in die Welt posaunte. Er begann seine Grabungen 1871 in Troja, 1874 in Mykenai, 1880 in Orchomenos, 1884 in Tiryns. Dabei leitete ihn in der Wahl der Stellen ein unerhörtes Glück oder vielleicht richtiger: der geheimnisvolle Instinkt eines Rutengängers; denn er grub überall falsch und fand überall mehr, als er erhofft hatte. In Hissarlik suchte er das neue Ilion der spätgriechischen Zeit und fand das alte Troja. Es erschien ihm selbstverständlich, daß das homerische Troja sich nur in der größten Tiefe befunden haben könne. Er machte daher erst bei der zweituntersten Kulturschicht halt, die er für die »gebrannte Stadt«, das von den Griechen zerstörte Troja, erklärte. Zutage traten: die Burgmauer mit dem »Skäischen Tore«, der »Palast des Priamos«, der »Goldschatz des Priamos« und eine Menge Gefäßscherben. Aber die Sache stimmte nicht: die 548 hier aufgedeckte Kultur war ganz unverkennbar eine weit primitivere, bescheidenere und altertümlichere als die mykenische, die Homer schildert. Erst der Architekt Wilhelm Dörpfeld entdeckte 1893 in der zweitobersten der sieben Schichten das wirkliche homerische Troja: Es war von dem Schliemannschen durch nicht weniger als drei Ansiedlungsperioden getrennt, während dieses in die graueste Vorzeit rückte. Das Verhängnisvollste an Schliemanns Irrtum war, daß er, da ihn nur das vermeintliche Troja der Ilias interessierte, das echte, weit höher gelegene erheblich beschädigte.

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