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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 267
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Homers Quellenstudien

Es war Wolfgang Reichel, ein frühverstorbener Forscher, der im Jahre 1894 als erster zu der grundlegenden Erkenntnis gelangte, daß man unterscheiden müsse zwischen der Zeit, in der die homerischen Gedichte verfaßt wurden, und der Zeit, in der sie spielen: diese ist um mehr als ein halbes Jahrtausend älter als jene. Ilias und Odyssee sind also, wenn man es ein wenig zu modern ausdrücken wollte, nichts anderes als historische Romane. Aber ein historischer Roman, auch wenn er vom Einfühlungsvermögen des begnadetsten Dichters beseelt wird, ist niemals ein vollkommen lebenswahres Porträt der Zeit, die er schildert. Denn er ist ebensosehr ein Porträt seiner eigenen Zeit; und gerade je bedeutender er ist, desto stärker ist diese zweite Komponente. Er trägt einen Januskopf: Das eine 544 Antlitz blickt ins Herz der Gegenwart und seine Geheimnisse, das andere mit Seherauge hinter den Schleier der Vergangenheit. Und für die Nachgeborenen, für die auch die Zeit des Dichters schon Vergangenheit ist, wird ein solcher Roman nun gar zu einer doppelten Historie! Kein Wunder, daß die Homererklärung schon im späteren Altertum ein Steckenpferd der Gelehrten war.

Daß Homer so etwas wie »Quellenstudien« betrieben habe, wäre wohl wiederum eine zu moderne Vorstellung; aber Materialien und Vorarbeiten hat er sicher benützt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß schon die Mykener Poesien besaßen, die, vielleicht bereits in Nachahmung kretischer Epen, Kriegszüge und Heldenschicksale besangen, und diese dann, vielfach umgearbeitet, bis zum Sänger der Ilias gelangten. Diese Welt, aus der nur noch ein dumpfes Waffenklirren und ein matter Abglanz urtümlichen, aber großartigen Wirkens und Leidens durch den Nebel der Jahrhunderte zu ihm herübergrüßte, nimmt der Dichter vollkommen ernst: Er archaisiert völlig bewußt; und selbstverständlich falsch. Und selbstverständlich doch auch wieder wahrer, als es jeder Archäologe vermöchte: denn er ist ein Dichter. So konnte es kommen, daß man lange Zeit glaubte, Homer sei ein Zeitgenosse der Urhellenen gewesen, und auch heute noch gibt es einzelne ernste Gelehrte, die alle Anachronismen für spätere Einschiebsel ansehen. Diese Ansicht ist freilich unhaltbar: es heißt die Dinge verwickeln, statt sie zu erklären, wenn man annimmt, daß jüngere Bearbeiter in die Ilias die Leichenverbrennung, die dem mykenischen Kulturkreis völlig unbekannt war, und in die Odyssee den Handelsverkehr mit den Sidoniern, die es vor dem Ende des zweiten Jahrtausends noch gar nicht gab, aus purem Übermut eingeschmuggelt hätten, und außerdem handelt es sich um viel Tieferes: um ein völlig andersgeartetes Weltbild. Als Homer dichtete, grasten in den Ruinen der Herrensitze von Troja, Tiryns und Mykenai die Kühe.

545 »Widersprüche im Homer« gibt es nicht: Sie sind Erfindungen antiker und moderner Schulpedanten. Gerade durch die wundervolle Harmonie, zu der Altes und Neues in dem Kosmos seiner Dichterseele verschmilzt, erhält das Gemälde seine tiefste Beglaubigung. Auch die beiden feindlichen Parteien der Griechen und Troer werden in dem vergoldenden Lichte einer heroischen Weltanschauung zu einer höheren Einheit zusammengefaßt. Der Dichter schenkt ihren Protagonisten die gleiche ideale Weisheit und Ritterlichkeit, Lebensmacht und Todesverachtung, und sie sprechen dieselbe Sprache, obgleich sie nach Art und Sitte vielleicht nicht weniger verschieden waren als Kreuzritter und Araber. Sie sind alle von demselben Schicksal gezeichnet: dem Schicksal des Helden, und in diesem erhabenen Sinne eines Bluts. Von dem schönen Vorrecht der Dichter, die Menschheit als eine große Familie und ihre Kämpfe als Bruderkriege zu sehen, hat eben schon der Vater der Dichtkunst Gebrauch gemacht, und keiner der späteren, ob Shakespeare oder Karl May, hat darauf verzichtet. Othello und Winnetou stehen den Weißen an Edelsinn und Tapferkeit ebensowenig nach wie Hektor den Griechen. Und haben die Dichter nicht recht? Sie haben immer recht: die Welt ist überall voll Helden.

Dabei verfährt Homer in der Erzeugung der historischen Illusion mit großem Raffinement (und dieses Wort ist für ihn gewiß nicht zu modern). Wir fühlen uns, obgleich längst das Eisen herrscht, völlig in die Bronzezeit versetzt: und nicht bloß durch das Material der Geräte und Waffen. Auch der schwere Bogen, seit Jahrhunderten nicht mehr standesgemäß, greift als edle Heroenwaffe mehrmals entscheidend in die Handlung ein. Daß, wie bereits bemerkt, neben der stilechten alten Ausrüstung auch die spätere vorkommt, ist eine jener poetischen Freiheiten, wie sie sich in allen historischen Dichtungen finden. Auch im »Sommernachtstraum« ist Theseus »Herzog« von Athen. So etwas hat es gegeben; aber erst in der Frankenzeit. Im 546 »Timon« wird zu Tisch gebeten, in den Römerdramen wird getrommelt und mit Glocken geläutet. Besonders das Geographische darf man einem Dichter niemals nachrechnen. Wenn im »Wintermärchen« Böhmen am Meer liegt, so kann man auch nicht erwarten, die Phäakeninsel auf einer korrekten Landkarte zu finden. Das hat schon der antike Begründer der wissenschaftlichen Erdkunde, Eratosthenes, gewußt, als er sagte, die Gegenden der Irrfahrten des Odysseus könne man ungefähr ebenso sicher ausfindig machen wie den Sattler, der dem Aiolos den Schlauch für die Winde genäht habe.

Von der Topographie der Troas hingegen hat Homer eine so genaue und klare Vorstellung, daß man fast annehmen möchte, er sei dort gewesen. Er hat also sogar schon, ganz wie die modernen Romanciers, »Studienreisen« gemacht! Allerdings ist einem Dichter vieles möglich, das ein Gelehrter nicht begreift, und wenn Schiller niemals in der Schweiz war (obgleich sogar Baedeker sich mehrfach auf den Tell bezieht), so muß man vielleicht auch bei Homer nicht gleich einen Lokalaugenschein postulieren. Andrerseits gab es im achtzehnten Jahrhundert bereits massenhaft Handbücher, Atlanten und Reisebeschreibungen, wie wir sie für die Zeit Homers nicht voraussetzen dürfen. Aus der Tatsache, daß in der Ilias die ganze Troas von den Feinden der Hellenen bewohnt ist und sich von griechischer Kolonisation keine Spur findet, auch die Dorische Wanderung niemals erwähnt wird, hat man geschlossen, daß Homer eben doch vor dieser gedichtet haben müsse. Aber das ist wiederum nur ein Kunstgriff: Er ignoriert diese Dinge geflissentlich.

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