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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 266
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Ritterheere

Derartige Riesenbauten setzen ein absolutes Königtum voraus, das, ähnlich wie das ägyptische oder babylonische, über die Arbeitskräfte des Volkes nach Gutdünken verfügen konnte. 542 Noch bei Homer erscheint Agamemnon als Herrscher über viele Inseln und ganz Argos. Dieser Name bezeichnet im Sprachgebrauch des Epos noch die Gesamtheit der peloponnesischen Halbinsel, bei der ebenfalls schon das Wort auf einen umfassenden Machtbereich der Atriden schließen läßt, denn diese leiteten ihr Geschlecht auf Pelops als Stammvater zurück und Peloponnesos heißt nichts anderes als Insel des Pelops. Es ist aber möglich, daß in der mykenischen Spätzeit diese Macht wieder zerbröckelte und Hellas sich in Kleinstaaten auflöste, wie sie ja auch zweifellos aus lokalen Volkskönigtümern und Stammesherrschaften hervorgegangen ist, indem die siegreichen Führer der Heereszüge immer größere Aufgebote und Gefolgschaften unter ihrem Szepter vereinigten.

Den wichtigsten Truppenteil bildeten die Schwerbewaffneten, deren Kontingent der grundbesitzende Adel stellte, denn die Ausrüstung war kostspielig. Ihr Hauptstück war der fast mannshohe Turmschild, aus mehreren Lagen von Rindsleder zusammengefügt und tief gewölbt, so daß auch die Seiten gedeckt waren; Buckeln und Ränder waren aus Metall. Diese gewaltige Schutzwehr machte eine Panzerung des Körpers überflüssig: Nur an den Schienbeinen trug man Ledergamaschen gegen das Anschlagen des schweren Schildes; als Helm diente eine lederne Sturmhaube, mit Eberzähnen, einem Busch oder Hörnern verziert. Als Fernwaffe wurde ein langer Wurfspeer, für den Nahkampf ein großes zweischneidiges Bronzeschwert verwendet. Ein Privileg der Vornehmen war natürlich auch der zweiräderige, von zwei bis drei Rossen gezogene Streitwagen, der ungefähr gleichzeitig in Ägypten, Kreta und der mykenischen Welt Eingang gefunden hat. Es scheint, daß er im wesentlichen nur als Beförderungsmittel gedient hat: Schon der unförmige Schild, der, an einem Riemen auf dem Rücken getragen, jede rasche Bewegung verhinderte, machte eine solche Unterstützung wünschenswert. Beim Kampfe saßen die Krieger ab, 543 stellten den Schild vor sich hin und der Wagenlenker hielt dicht in der Nähe, um zu Flucht oder Verfolgung bereit zu sein. Vielleicht aber ist unsere Vorstellung hier zu sehr von Homer beeinflußt: daß die mykenische Blützezeit eine ausgebildete Wagenstrategie nach asiatischem Muster gekannt hat, ist sehr wohl denkbar, andererseits kann sie in dem gebirgigen Lande niemals die Rolle gespielt haben wie im Orient. Für die Entwicklung einer Kriegskunst höherer Art bot die schwerfällige Kampfweise dieser Ritterheere jedenfalls keine Möglichkeiten, und man begreift, warum Homer fast nur von Einzelkämpfen berichtet. Es gab zwar auch leichtgerüstetes Fußvolk, das sich aus dem Gefolge der Edeln rekrutierte, aber dieses bildete keine entscheidende Waffe, sondern nur eine Art Reserve, die nachstoßen und den Sieg vollenden konnte. Wandte sich die Kerntruppe einmal zur Flucht, so war sie jedem Verfolger ungeschirmt preisgegeben. Ihre ganze Schutzausrüstung bestand in einem metallbeschlagenen ledernen Leibgurt; denn die homerische »Panoplie« mit Erzhelm, Backenklappen, Brustpanzer, Beinschienen und dem kleinen handlichen Rundschild ist sicher erst nachmykenisch.

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