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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 265
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Gigantenbauten und Heroengräber

Charakteristisch für den mykenischen Hausbau war das Megaron, ein viereckiger, gedeckter und durch einen Herd heizbarer Hauptraum, der sich im Süden sonst nicht findet und ja auch in seiner ganzen Anlage deutlich nach dem kälteren Norden weist. Bei den kretischen Palästen ist der Bauzweck Lüftung und Kühlung. Derselbe Gegensatz zeigt sich in der Kleidung: Die Kreter haben immer nur einen Lendenschurz getragen, die Griechen auch im milderen Klima den Chiton beibehalten. Bei den Häusern der Vornehmen betrat man zunächst ein säulengeschmücktes Propylon, das in einen Vorhof führte: auch dieser war von Säulen umgrenzt und enthielt den Altar; und dann erst gelangte man ins Megaron, dessen Fußboden schön bemalt war und den prächtigen Thronsitz des Feudalherrn trug. Auch die Wände, der Plafond und sogar der runde Herd in der Mitte waren mit Stuck verkleidet und mit Gemälden bedeckt. Der Rauch zog durch eine Deckenöffnung ab; Fenster fehlten. Mit Grund spricht Homer vom »schattigen Megaron«: auch hier wieder ein bezeichnender Kontrast zu Kreta: dort flutete das Licht von überall her durch Zimmer, Treppen und Dächer. Ein Badezimmer fehlte nie; in Tiryns bestand dessen Fußboden aus einem einzigen riesigen Steinblock und die tönerne Wanne war mit Ornamenten koloriert. Die Gräber waren in der Regel so angelegt, daß ein langer schmaler Gang, der Dromos, über einen engen verschließbaren Vorraum, das Stomion, zu der geräumigen Grabkammer führte. Der Hauptraum aber war die daneben gelegene kuppelförmige Opferhalle. Auch hieraus ersieht man, daß der Totenkult in mykenischer Zeit eine weit größere Rolle gespielt haben muß als später. Einzelne Leichenreste lassen sogar auf Einbalsamierung schließen. Wenn die Griechen von »Heroengräbern« redeten, so meinten sie diese uralten Kultstätten.

539 Besonders die riesigen Mauern und Kuppelbauten von Mykenai waren den Griechen immer vor Augen geblieben, und um sie hatten Volkssage und Kunstepos einen reichen Kranz von Erzählungen geschlungen. Hier setzte denn auch Schliemann, nachdem er Troja entdeckt hatte, zuerst den Spaten an. Aber was er fand, übertraf alle Erwartungen. Homers Hirngespinste erwiesen sich als dürftig und »bürgerlich« gegenüber der Realität: Eine Pracht trat ans Tageslicht, wie sie sich eine spätere Zeit nicht einmal mehr vorzustellen vermochte. Jahrtausendelang hatte man Homers Schilderungen von dem versunkenen Glanz der Vorzeit für Geflunker gehalten; und nun stellte sich heraus, daß er viel zuwenig geflunkert hatte! So verhält es sich übrigens, nebenbei bemerkt, fast immer: Die Wirklichkeit ist gewöhnlich viel größer und schöner als die Phantasie auch des gewaltigsten Dichters.

Vier Stunden abseits vom Meer war Mykenai erbaut worden, sicher nicht ohne Absicht. Eine stattliche Fahrstraße stellte die Verbindung her. Den Haupteingang zur Burg bildete das berühmte Löwentor: schwere, erzbeschlagene Türflügel, darüber die wundervollen Körper zweier Löwinnen, die, die Tatzen auf einem altarartigen Untersatz, eine Säule flankieren. Die Köpfe, die sicher das Eindrucksvollste des Bildwerks waren, sind heute abgefallen und außerdem fehlt zur Gesamtwirkung die erschreckende Buntheit, denn alle Teile waren ursprünglich grell bemalt, die Augen aus blitzenden Steinen gebildet. Die Komposition wirkt heraldisch, aber vielleicht ist dies bloß Primitivität; jedenfalls hatte sie eine symbolische Bedeutung. Man hat bei dem Löwenmotiv orientalischen Einfluß vermutet; aber man braucht nicht soweit zu gehen: Der Löwe war damals noch ein griechisches Tier.

Zum Herrenhaus, das auf der höchsten Bergkuppe lag, führte eine Freitreppe. Die Vorhalle schmückte ein Fries aus weißem Alabaster und blauer Glaspaste mit Rosetten und 540 Palmetten: ein typisch kretisches Muster. Im Megaron war der Fußboden mit Delphinen und Tintenfischen bemalt: Auch diese Seemotive waren aus Kreta gekommen. Die lebensgroßen Bilder an den Wänden aber zeigten ein eigenes, von dem kretischen verschiedenes Pathos: hochgewachsene Frauen und Männer zügelten Doppelgespanne und jagten Hirsche und Eber, Krieger zäumten Rosse und stürmten gegen Feinde, der König thronte in Vollbart, Diadem und Ärmelrock, neben ihm die Gattin und die Großen des Reiches. Das Großartigste aber waren die Schachtgräber, die es begreifen lassen, daß Homer Mykenai »das goldreiche« nennt und die griechische Tradition die Beerdigungsstätten der Könige als »Schatzhäuser« bezeichnete. Ganz wie die Ägypter widmeten die Mykener den Totenwohnungen eine weit größere Fürsorge als den Häusern der Lebenden; bestanden diese aus Holz und Stuck, so waren jene enorme Kuppelräume, in die Berge hineingehauen: Meisterwerke des Rundbaus aus herrlich geglätteten Steinquadern, in die, ein Bild des Himmels, funkelnde Metallrosetten eingesetzt waren; die Präzision, Geschlossenheit und Großzügigkeit der Anlage stellt sie neben die gewaltigsten Schöpfungen, die die Geschichte der Architektur kennt, und schon im Altertum wurden sie mit den Pyramiden verglichen. Unter den Dolchen, die in den Gräbern gefunden wurden, befinden sich einige Wunderwerke: In winzigen Darstellungen aus abschattiertem Gold, Silber und Weißgold (eine Technik der Metallmischung, die den Griechen später völlig abhanden gekommen ist) sieht man da Krieger auf der Löwenjagd, Löwen, die Antilopen verfolgen, Pantherkatzen, die im Papyrusdickicht wilden Enten auflauern: ein Sujet von zweifellos ägyptischer Herkunft, während aus der Ornamentik vieler anderer Stücke in Meerpflanzen, Polypen, Muscheln, Seeungeheuern die Inselkunst Kretas redet. Die Menschen hingegen: dürre, spitznasige Krieger mit Schilden und Helmbüschen sind noch recht ungeschickt 541 dargestellt. Angesichts dieser Entwicklung der Kleinkunst erscheint die allbekannte homerische Schildbeschreibung nicht mehr als eine Marotte des Dichters, ersonnen zur Plage der Abiturienten, sondern als eine vage Erinnerung an Dinge, die einmal leibhaftig existiert haben.

Und alles aus Gold: die Waffen, die Becher, die Schmucksachen und Fetische, die zahllosen gestanzten Blättchen, mit denen die Gewänder beklebt waren, die porträtähnlichen Gesichtsmasken, die den Toten aufs Antlitz gelegt wurden (wiederum ein ägyptisches Detail). Hier ist allerdings zu bedenken, daß das Gold möglicherweise damals noch nicht denselben Wert hatte wie heute. Die größte Kostbarkeit war das Eisen, dessen Preis sicher den des Goldes um ein vielfaches überstieg.

Die Burg von Tiryns bot ein ganz ähnliches Bild: riesige Mauern mit Türmen, überwachbare Eingänge mit doppelten und dreifachen Torverschlüssen. Auch sie lag landeinwärts auf einer Felskuppe. Ihre gewaltigen, roh und doch wie für die Ewigkeit gebauten Wälle von einer ursprünglichen Höhe von fünfzehn Meter imponierten den späteren Griechen so sehr, daß sie sie nicht für Menschenwerk, sondern für Kyklopenbauten hielten. In Böotien hat man besonders bei Orchomenos und auf der Kadmeia von Theben die Reste prächtiger Herrensitze gefunden. Die Deiche und Abzugsstollen des Kopaïssees, großartige Werke der Ingenieurkunst, konnten die Griechen, die niemals etwas Ähnliches zustande gebracht haben, sich ebenfalls nur von Übermenschen: Giganten oder Heroen errichtet denken. Die Monumentalität ist der hervorstechendste Grundzug der mykenischen Kunst und Kultur und ihr Hauptunterschied von der kretischen, der sowohl der Sinn wie die Begabung dafür vollkommen fehlte.

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