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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 264
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Altgriechischer Glaube

Das Klima war wesentlich drückender und kontrastreicher als in der historischen Zeit: die Winter sehr rauh, die Sommer tropisch heiß. Das Land war noch weithin von dichten Wäldern bedeckt, und darin hausten Wölfe und Wildschweine, Büffel und Bären. Sogar der Löwe streifte noch durch die Berge, und die altgriechische Heroensage hat die Erinnerung an ihn mit Ehrfurcht bewahrt. Das Pferd haben die »Mykener« sicher schon bei ihrer Einwanderung besessen; aber ein Reitervolk waren sie sowenig wie ein seefahrendes. Wie im alten Israel und Rom hatte der Hausvater noch die volle Gewalt über Familie und Gesinde und erwarb die Gattin durch Brautkauf. Er ist auch sein eigener Priester und opfert in seinem Hofe alltäglich den Göttern des Stammes. Bei feierlichen Anlässen tut dies der Stammesherzog oder der Großkönig. Diese Götter sind zumeist tierköpfig. Wenn Homer die Hera kuhäugig, die Athene eulenäugig nennt, so hat er nicht mehr gewußt, daß dies einmal ganz wörtlich zu nehmen war. Auch der Minotauros, von dem die Griechen noch in später Zeit zu erzählen wußten, war vermutlich ursprünglich nichts anderes als ein kretischer Gottkönig Minos mit Stierkopf, dem vielleicht Menschenopfer dargebracht wurden. Ganz ähnlich wie im christlichen Mittelalter bevölkerte die Volksphantasie Wald und Wiese, Fluß und Sumpf, Nacht und Nebel mit überirdischen Wesen. Da gab es Nymphen in Bäumen, Felsen, Quellen, Berggeister und 537 Irrlichter, Einhörner, feurige Rosse und andere wilde und sanfte Tiere, die Götter beherbergten. Die höchste und umfassendste Gottheit aber ist Ge, die Erde, die Allmutter der Menschen, als Demeter die Beschützerin des Landbaus, dem sie den ewigen Segen der Ernte beschert, und des weiblichen Geschlechtslebens, dem sie ebenfalls die Kraft der Fruchtbarkeit verleiht. Ihr Gatte war der pferdegestaltige Poseidon, ursprünglich ebenfalls eine Erdgottheit, wie er denn auch im späteren hellenischen Glauben noch immer als Erreger der Erdbeben gilt. Neben ihm tritt Zeus noch zurück. Später war es bekanntlich umgekehrt: Zeus wird der Vater der Menschen und König der Götter und Poseidon ein Spezialgott, der sich mit dem Meer begnügen muß: »die ganze Rolle Poseidons in der Odyssee«, sagt Carl Schuchhardt sehr schön, »ist die eines abziehenden Gewitters.« Solche »Rudimente« früherer Glaubensvorstellungen finden sich bei Homer noch mehrfach. Das klassische Beispiel ist die Leichenfeier, die Achilleus für Patroklos ausrichtet. Überreiche Mengen von Wein, Öl und Honig, Blut, Fett und Fleisch werden geopfert, Pferde, Hunde und sogar Menschen werden geschlachtet, prachtvolle Kampfspiele beschließen das Fest. Dies alles zeugt von einem inbrünstigen Glauben an ein kraftvolles und dauerndes Fortleben nach dem Tode, wie ihn Homer nicht mehr besaß. Es mutet fast ägyptisch an. Für niemand anders als für den Toten geschieht dies alles: Ihn sollen die Opfertiere, die völlig verbrannt werden, im Jenseits speisen, ihm die zwölf hingemordeten vornehmen Troerjünglinge, die edlen Rosse und Hunde dienen, ihn die Wettkämpfe ehren und ergötzen. Der Seelenglaube der Griechen um Agamemnon war ein anderer und stärkerer als der homerische: Für diesen war ein Leben ohne See und Sonne eine unvorstellbare Leere, für jenen hatten die Kräfte der Erde und des Dunkels noch die volle Macht eines zweiten, ja höheren Lebens. Die rationalistische und eigentlich schon atheistische 538 Frage, was denn ein Schatten ohne Leib und Licht in der Unterwelt beginnen solle, existierte für ihn noch nicht.

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