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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 262
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die mykenische Kultur

Über einen besonders reichen Besitz an Bernstein verfügten die Träger der »mykenischen« Kultur. Dies ist neben anderen Merkmalen ein Zeugnis ihrer nordischen Herkunft. Sie waren zweifellos Indogermanen und auch schon Griechen, wenn man, wie gesagt, dem Wort einen etwas weiteren Sinn gibt als den später in Hellas gebräuchlichen. Aus Homer sowohl wie aus dem Kult, den die alten Kuppelgräber bis in die klassische Zeit hinein genossen, geht unzweideutig hervor, daß die »Mykener« immer als Griechen galten. Ihre Kultur war im wesentlichen die ins Indogermanische übersetzte kretische. Die Titelhelden der beiden großen Epen, der Odyssee und der Achilleis, sind blond; das stehende Beiwort des Menelaos ist ebenfalls »xanthos«. Ebenso häufig werden die Recken bei Homer als hochragend geschildert. Die späteren Griechen aber waren vorwiegend mittelgroß und dunkelhaarig. Ob hierfür Einfluß des Klimas und Bodens (der sich ganz gut auf die Statur erstrecken könnte) oder Vermischung als Ursache anzusehen ist, läßt sich nicht mehr entscheiden. Ein ausgesprochen indogermanischer Zug war die eigentümliche Verbindung von Klarheit und Phantasie, die schon in den damaligen Griechen als Anlage vorhanden war und sich in deren Nachkommen auf allen Gebieten des menschlichen Schaffens zu unerreichter Genialität entwickeln sollte. Doch haben diese auch einige unarische Eigenschaften besessen, unter denen der Mangel an Wahrheitsliebe die hervorstechendste ist. Man braucht auch hier nicht unbedingt an Vermischung zu denken; eine dauernde Einwirkung des 534 geistigen Milieus hätte bereits genügt. Jedenfalls standen die Urbewohner Kretas, die »Eteokreter« oder echten Kreter, bis in die spätesten Zeiten auch bei den Griechen in dem Ruf besonderer Lügenhaftigkeit, wofür unter anderem der amüsante Fangschluß zeugt, der im Altertum unter dem Titel »pseudomenos« allbekannt war; ein Kreter sagt: »alle Kreter lügen«; da er aber selber ein Kreter ist, so ist sein Ausspruch unwahr: es sind also nicht alle Kreter Lügner; spricht er aber die Wahrheit, so sind ebenfalls nicht alle Kreter Lügner.

Die mykenische Kultur ist wesentlich jünger als die kretische, hat sie aber um etwa zwei Jahrhunderte überdauert und sich während dieser letzten Periode bedeutend selbständiger entwickelt als vorher. Die Akaiwascha der ägyptischen Texte sind die Achaier Homers. Eine weitere überraschende Bestätigung hat sich in den hethitischen Keilschrifttafeln von Boghasköi gefunden. Dort ist wiederum von den Achaiwaja die Rede, und es wird sogar ein König Atarisias erwähnt, der Feldzüge gegen Karien und Zypern unternimmt. Dies ist offenbar Atreus, der Vater des Agamemnon und Menelaos, und seine Expedition ist der Trojanische Krieg. Auch die Zeit: zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, stimmt mit der griechischen Tradition vollkommen überein. Damit sind die Griechen vor Troja aus einem epischen Volk ein historisches geworden oder vielleicht richtiger: ein halbhistorisches; denn wir wissen von ihnen, ähnlich wie von den Sumerern oder den Israeliten der Mosezeit, bloß mit Bestimmtheit, daß sie waren, aber nur sehr unbestimmt, was sie waren.

Sicher haben unter den Einwanderern lange und erbitterte Rivalitätskämpfe gewütet. Um 1400 bestanden zwei mächtige, alles überragende Zwingburgen auf der griechischen Halbinsel: Orchomenos in Böotien und Mykenai in der Argolis. Man glaubt daraus schließen zu dürfen, daß sich um diese Zeit zwei große Herrschaftsgebiete herausgebildet hatten: das eine ganz 535 Mittelgriechenland und vielleicht auch noch Thessalien, das andere den Peloponnes umfassend. Von den kleineren Burgen nimmt man an, daß sie Vasallensitze waren, die dritte große Burg, das weithin gebietende Tiryns (ebenfalls in der Argolis) hält man für eine zweite Residenz des mykenischen Großkönigs. Auch bei Homer ist Agamemnon noch der »König der Könige«; er hat aber gegenüber den anderen Führern nicht allzuviel zu reden, sondern trägt seinen hohen Rang mehr als Titel, worin man vielleicht eine Machtverschiebung zugunsten der Magnaten erblicken darf, die in spätmykenischer Zeit eingetreten ist, oder, noch wahrscheinlicher, eine Eintragung »demokratischer« Anschauungen, wie sie zu der viel späteren Zeit herrschten, in der die homerischen Gedichte entstanden sind. Jedenfalls beweist die vollkommen identische Anlage der großen Kuppelgräber von Orchomenos und Mykenai (der sogenannten »Schatzhäuser« des Minyas und des Atreus), daß die beiden Kulturzentren ungefähr gleichzeitig ihre Blüteperiode erreichten.

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