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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die »Vorgeschichte«

Schon die erste Frage, die die Geschichtswissenschaft sich zu stellen hat: wo die Geschichte denn eigentlich anfängt, ist ein philosophisches Problem. Vor noch ganz kurzer Zeit begann man mit der Erzählung beim Nebelfleck. Aber das ist Naturgeschichte, nicht Geschichte; und außerdem ist diese ganze Biographie der Erde, anhebend beim Urschleim und endigend beim Großhirn des homo sapiens, ein Märchen, obschon bisweilen ein recht farbiges und amüsantes. Denn weder waren die ersten Lebewesen etwas Einfaches, vielmehr in ihrer Art gerade so kompliziert wie die spätesten, noch gab es überhaupt kontinuierliche Entwicklung, sondern mehrere oder viele große Schöpfungsakte (auch darin »Akte«, daß sie wie in einem Drama einander ablösten), in denen, obgleich in verschiedener Mischung und Ausbildung, immer schon alles vorhanden war. Diese Hypothese ist freilich ebenso unbewiesen wie der Darwinismus; aber wir haben vor dessen Anhängern dies voraus, daß wir nicht auf sie schwören.

Aber auch die sogenannte »Vorgeschichte« ist, wie ja schon ihr Name sagt, noch nicht wirkliche Geschichte. Mommsen hat rundheraus erklärt, die Vorgeschichte handle von jenem Teil der Geschichte, der weder wißbar noch wissenswert sei. Vom 56 Standpunkt der strengen Historie hat er zweifellos recht. Denn im reinen und eigentlichen Sinne erzeugt die Vorgeschichte weder historisches Wissen noch historisches Interesse. Sie vermag die Perioden, mit denen sie zu tun hat, immer nur im Querschnitt zu zeigen, niemals im Längsschnitt; sie ist keine dynamische, sondern eine statische, ja man wäre fast versucht, zu sagen: eine statistische Wissenschaft. Und sie vermag nicht jene bewegte Anteilnahme des Nacherlebens zu erregen, die ebendie spezifisch historische ist. Obgleich sie in den letzten fünfzig Jahren an Umfang und Tiefe außerordentlich gewonnen hat, so bleibt doch bis zu einem gewissen Grade noch immer zu Recht bestehen, was Ranke in seiner Einleitung zu seiner Weltgeschichte über sie sagte: »Man muß diese Probleme der Naturwissenschaft und zugleich der religiösen Auffassung anheimgeben.« Indes müssen sie doch von uns wenigstens berührt werden.

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