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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 259
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Urgriechen

Die Urbevölkerung Griechenlands bezeichneten die Hellenen später als Pelasger, welcher Name uns aber gar nichts sagt und auch unzutreffend sein dürfte. Heute spricht man mit Vorliebe von Karern, womit aber auch bloß ausgedrückt werden soll, daß sie kleinasiatischer Herkunft waren. Als ein zähes Überlebsel künden von diesen Autochthonen zahlreiche griechische Namen mit zweifellos ungriechischen Endungen auf attos oder assos, ettos oder essos, issos und inthos. So heißen zum Beispiel die beiden berühmtesten griechischen Berge Parnassos und Hymettos und zwei der ältesten griechischen Städte Korinthos und Tiryns (Tirynthos); aber auch viele Flüsse, Tiere und Pflanzen, zum Beispiel hyakinthos und narkissos, erinnern bis zum heutigen Tage an jene versunkene Kultur. Eine deutliche Sprache reden auch die Bezeichnungen für einzelne sehr alltägliche Gebrauchsgegenstände wie plinthos, der Lehmziegel, smerinthos, die Angelschnur, asaminthos, die Badewanne. Ferner sind die meisten Ausdrücke für nautische Begriffe fremden Ursprungs, angefangen von thalatta, dem Wort für das Meer selbst, und ebenso mehrere Namen für wichtige Dichtungsarten und Musikinstrumente, wie Jambus, Dithyrambus und Elegie, salpinx, die Trompete, syrinx, die Schalmei, phorminx und kitharis, die Laute, die alle aus Kreta stammen. Die wenigsten Menschen dürften wissen, daß sie, wenn sie von einer Zither oder Gitarre reden, kretisch sprechen.

Die Griechen, die um 2000 vor Christus in die südliche Balkanhalbinsel eindrangen, haben die Kulturblüte der dort ansässigen »Karer« also offenbar nicht vernichtet, sondern gerieten 530 ebenso unter den geistigen Einfluß der Besiegten, wie viele Jahrhunderte später die Römer unter den ihrigen. Sie lernten gerne von ihnen, wie man dichtet und singt, angelt und segelt, liebliche Blumen züchtet und in schönen Tonwannen badet. Die Einwanderung erfolgte wahrscheinlich in mehreren Stößen; die Hauptsiedlungsgebiete waren Böotien, Attika und der Peloponnes. Diejenigen griechischen Volksteile, die mit den ersten Invasionswellen gekommen waren und von den jüngeren nicht betroffen wurden, zum Beispiel die Athener und die Arkader, hielten sich für Autochthonen und rühmten sich, seit Entstehung des Menschengeschlechts auf ihrer Scholle gesessen zu haben: alle ihre Götter und Heroen galten ihnen als Griechen, die von jeher in Griechenland gelebt hätten. An die späteren Verschiebungen der Stämme: den Zug der Ioner nach Kleinasien, der Dorer nach dem Peloponnes und Kreta, die Besetzung der Kykladen erinnerten sie sich noch ganz gut. Es ist aber nicht bloß zweifellos, daß die Griechen in ihrem Lande »Zugereiste« waren, sondern sogar zweifelhaft, ob diese ersten Besiedler überhaupt schon als Hellenen in dem Sinne angesprochen werden dürfen, der dem Wort in historischer Zeit zukommt. Jedenfalls haben die drei späteren griechischen Hauptstämme der Ioner, Dorer und Aioler damals noch nicht existiert; man redet daher wohl richtiger von »Vorfahren« dieser Stammgruppen. Statt Aioler sagt man neuerdings lieber Achaier: dies ist bekanntlich einer der Gesamtnamen der Griechen bei Homer. Zunächst war die Geschichte der Urhellenen vermutlich von jahrhundertelangen Kämpfen erfüllt, die diese mit den »Karern«, untereinander und mit neuen Einwanderern zu bestehen hatten. Die Burgen auf steilen Bergkuppen geben davon ein beredtes Zeugnis. Es ist begreiflich, daß unter so wenig gesicherten Zuständen die Kultur jener Zeit, nach ihrem Hauptfundort, dem Siedlungshügel Hagia Marina in Phokis, »Marinakultur« genannt, noch auf einer niedrigen Stufe stand. 531

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