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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 258
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Etrusker

In Mittelitalien saßen die Etrusker. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten waren diese geradezu das prähistorische Modevolk: wo es nur irgend anging, wurden anonyme Völkerschaften, Techniken, Grabformen, Siedlungen von den Etruskern abgeleitet, so daß man fast mit Variierung jener alten grammatischen Schulregel sagen konnte: was man nicht definieren kann, das sieht man für etruskisch an. Heute haben ihnen die Hethiter den Rang abgelaufen. Über die Herkunft der Etrusker herrschen gegenwärtig drei Ansichten: die verbreitetste hält sie für ursprünglich in Kleinasien ansässig, die zweite nimmt an, daß sie zwar keine Indogermanen, aber Einwanderer aus dem Norden waren, und die dritte erblickt in ihnen das italienische Urvolk. Für die kleinasiatische Abstammung spricht ihre Sitte, die Städte nicht unmittelbar am Meer anzulegen, die während der Frühzeit im ganzen Bereich der Ägäis verbreitet war; außerdem hat man in Lydien eine Stadt Tyrsa entdeckt und glaubt nun, daß der griechische Etruskername Tyrsenoi sich von da herleitet: daß ein ganzes Volk sich nach seiner Hauptstadt nannte, kam ja im Altertum oft genug vor. Zwingend sind diese Schlüsse nicht; mehr Überzeugungskraft haben die weitgehenden Übereinstimmungen in den Beisetzungsriten und im Kunstgewerbe, die zwischen Kleinasiaten und Etruskern bestehen. Das Kerngebiet der Etrusker war die Toscana, die noch 528 immer nach ihnen heißt; ebenso gemahnt das »Tyrrhenische Meer« zwischen Sardinien und der Apenninenhalbinsel an ihre einstige Verbreitung. Sie wohnten aber auch in Teilen der Poebene und, als Räter, in Tirol. Noch heute trifft man in diesen Gegenden die fleischigen, untersetzten und kurzhalsigen Gestalten der etruskischen Tonsarkophage, und das toskanische Landvolk verehrt einige etruskische Gottheiten, die sich sonst nirgends finden. Die Etrusker bildeten Städtebünde unter Adelsherrschaften und lebten vorwiegend von Seehandel und Piraterie. Ihre Geschicklichkeit im Kanalbau, in der Bronzegießerei und in der Keramik war sehr bedeutend. Die Römer hatten von ihnen mehr, als man in früheren Jahrhunderten wußte oder zugeben wollte; die römischen Straßen und Kloaken, die Formen der Tempel und Wohnhäuser, viele Ämter und Abzeichen, die Triumphzüge und Zirkusspiele, die Vogelschau und Eingeweideschau: All diese Dinge gehen auf die Etrusker zurück. Das Königsgeschlecht der Tarquinier, das im sechsten Jahrhundert Rom beherrschte, stammte aus Etrurien, und sogar der Name Rom ist wahrscheinlich etruskisch. Auch die Laren, die römischen Hausgeister, die noch in den Heiligen des Katholizismus fortleben, und die Fasces der römischen Liktoren waren von den nördlichen Nachbarn übernommen: Der Faschismus ist also eigentlich eine etruskische Angelegenheit, und die Etruskologie ist denn auch im heutigen Italien eine sehr populäre und staatlich geförderte Wissenschaft. Ein ethnischer Zusammenhang zwischen Italienern und Etruskern besteht aber im allgemeinen nicht mehr. Die zahlreichen etruskischen Inschriften werden von uns gelesen (da die Buchstaben den griechischen ähnlich sind), aber nicht verstanden; man weiß nur, daß die Sprache dem Lydischen verwandt ist, das man aber auch nicht versteht. Die Wissenschaft befindet sich dem Etruskischen gegenüber in dem pathologischen Zustand, den die Mediziner als sensorische Aphasie oder Worttaubheit bezeichnen: Der Kranke hört sämtliche Worte, 529 vermag aber mit ihnen keine Begriffe zu verbinden. Gewisse Beziehungen der Kunst und Lebensform zur kretischen lassen sich nicht verkennen: Gemeinsame Züge sind eine ausgeprägte Diesseitigkeit und Sinnlichkeit, Frauenverehrung und Erdvermähltheit und eine leidenschaftliche Liebe zu Luxus und Naturgenuß, Seeleben und Pflanzenleben.

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