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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 256
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Viertes Kapitel

Die verzauberte Insel

Rien n'est intéressant comme un mur
derrière lequel il se passe quelque chose
Victor Hugo

»Kompliziert«

Während der Frühzeit des Altertums gehört Griechenland und sogar Italien zu Vorderasien; denn die Urbevölkerung dieser beiden Halbinseln war, wie man heute fast allgemein annimmt, kleinasiatischen Ursprungs. Auch als später nordische Einwanderer sich dort ausbreiteten, stand deren Kultur noch lange unter dem Einfluß der Voreinwohner. Erst mit dem letzten vorchristlichen Jahrtausend beginnt die Geschichte des Abendlands.

Nur ungern begeben wir uns auf dieses Gebiet der Prähistorie, denn hier liegt alles im Nebel und Dunst der vagen Vermutungen und oft sehr kühnen und gekünstelten Nothypothesen. Wir müssen uns mit dürftigen Andeutungen und Ausschnitten bescheiden, aber selbst diese Bescheidenheit wäre noch immer eine Anmaßung, wenn sie im Gewande der Verantwortlichkeit aufträte. Und dabei ist das wenige, was gesagt werden kann, noch so schrecklich kompliziert! Indes ist dies im Grunde gar nicht so verwunderlich. Denn je weniger wir über eine Sache wissen, desto komplizierter ist sie, und je mehr wir über sie wissen, desto einfacher ist sie. Das ist die einfache Wahrheit über alle Kompliziertheiten. An dem Grade primitiver Klarheit, mit der sie sich auszudrücken verstehen, unterscheiden wir in der Wissenschaft den Kenner vom Ignoranten und den Meister vom Kenner und in der Kunst das Talent vom 524 Dilettanten und das Genie vom Talent: Es sind reine Rangstufen in der Beherrschung des Gegenstandes. Ein Abc-Schüler wird bereits schwerverständlich werden, wenn er das Wesen der vier Rechnungsarten erklären soll; der große Leonhard Euler hingegen diktierte seinem Diener, einem ehemaligen Schneidergesellen, der notdürftig kopfrechnen konnte, eine »Anleitung zur Algebra«, wodurch dieser zum perfekten Algebraiker wurde; und vielen Hausdienern und Schneidergesellen ist seither an der Hand dieses sonnenklaren Buches dasselbe gelungen. Die poetischen und musikalischen Versuche der Stümper sind fast immer von rätselvoller Chaotik, während die Wort- und Tondichtungen, die wir als klassisch zu bezeichnen pflegen, nichts enthalten, das zu entwirren wäre. Es hat noch nie einen vollsinnigen Menschen gegeben, der Emilia Galotti oder Wilhelm Tell, Über allen Gipfeln und das Forellenquintett, die Fromme Helene und den Eingebildeten Kranken, den Freischütz und den Figaro nicht verstanden hätte. Dies läßt sich sogar vom Faust behaupten: wo dieser dunkel ist, befindet sich Goethe eben selber nicht auf seiner eigenen Höhe. Und die Griechen, die als das klassische Volk par excellence gelten, haben überhaupt nur »populäre« Schöpfungen hervorgebracht, auf allen Gebieten: in ihrer Baukunst und Theaterkunst, Bildnerei und Biographik. Goldene Mittagshelle liegt über jedem Wort der Evangelien und der »griechischen Bibel«, der Ilias: ein tiefes Wissen um Gott und Welt ist es, wodurch alles so durchsichtig wird; hingegen im Koran und im Talmud sind weite Strecken voll wüstem Unkraut, denn kein ebenso sicheres religiöses Bewußtsein ist hier am Werke. Und was die Philosophie anlangt, so sagt Vauvenargues: »Ein Gedanke, der zu schwach ist, einen einfachen Ausdruck zu ertragen, zeigt damit, daß er nichts taugt«, und er nennt die Klarheit den Schmuck der Tiefe, die Dunkelheit das Reich des Irrtums. Nun ist aber der größte aller Philosophen, Kant, ohne Zweifel sehr verwickelt, von den 525 kleineren ganz zu schweigen. Das lag aber einfach daran, daß er sich ein Thema gewählt hatte, über das wir sehr wenig wissen, nämlich die Theorie unserer Erkenntnis. Folglich mußte er, trotz höchstem Willen und Talent zur Klarheit, notgedrungen kompliziert sein. Aus demselben Grunde sind auch Unendlichkeitskalkül und Wahrscheinlichkeitsrechnung, mathematische Physik und organische Chemie, Astronomie und Atomtheorie so schwierig, denn was wissen wir von der Unendlichkeit, dem Chemismus des Lebens, dem Bau des Atoms, den Gesetzen der Sternenwelt und all den übrigen Geheimnissen der Natur? Nur deshalb sind auch tote Sprachen »schwerer« als lebende: diese kennen wir, und jene nur sehr unvollkommen. Im Altertum, wo das Griechische noch lebte, konnte es von jedem phrygischen Sklaven ebensoleicht erlernt werden wie heute das Französische von jedem Hotelportier; aber das Hebräische ist den alexandrinischen Gelehrten bereits ebenso sauer geworden wie den heutigen. Nicht anders verhält es sich auf den sogenannten technischen Gebieten. Jedes Handwerk ist einfach, wenn man es versteht. Ein gelernter Uhrmacher oder Stellmacher, Klavierbauer oder Brückenbauer hält sein Metier nicht für besonders verzwickt: für uns sind das hoffnungslos labyrinthische Angelegenheiten. Aber in gewissen Fertigkeiten sind alle Menschen Virtuosen. Gibt es zum Beispiel etwas Schwierigeres als das menschliche Sehen? Alle Körper werfen auf die Netzhaut ein bloßes flächenhaftes Bild, bei dem außerdem oben und unten, rechts und links vertauscht sind; gleich große Objekte erscheinen uns verschieden groß, wenn ihre Entfernung vom Auge nicht dieselbe ist; von jedem Objekt empfangen wir infolge des Doppeltsehens zu gleicher Zeit zwei ungleiche Bilder; dieselbe Farbe erscheint uns in heller Nachbarschaft dunkler, in dunkler Nachbarschaft heller, als sie ist. Alle diese Fehler stören uns aber so wenig, daß sie uns sogar in hervorragender Weise dazu dienen, uns in der Außenwelt 526 zurechtzufinden. Das Sehen ist riesig einfach, weil wir eben im Sehen erstklassige Fachleute sind. Ebenso verhält es sich mit der praktischen Ethik. Obgleich jede einzelne Handlung den Kreuzungspunkt einer Unmenge von Geboten und Verboten, Aufgaben und Möglichkeiten bildet, wissen wir doch infolge einer geheimnisvollen Gabe der Innenschau, die, ganz wie die Schau nach außen, aus allen Irrtumsquellen Orientierungsmittel zu machen versteht, in jedem Falle sehr genau, was wir als moralische Wesen zu tun hätten. Wir tun es bloß nicht.

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