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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 255
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Vorschatten

Und der Herr erscheint im Wettersturm und stellt sich der Anklage! Er verweist in gewaltigen Worten auf die Wunder seiner Schöpfung, und vor Gottes Majestät verstummt Hiobs Trotz. Die Dichtung schließt damit, daß Hiob gerechtfertigt und von seinen Leiden befreit wird. Gott gibt ihm indirekt recht, indem er den selbstgerechten Fremden unrecht gibt. Sie haben über Gott »nicht richtig geredet«; sie sollen ein Brandopfer darbringen und Hiob soll für sie beten. Dies ist die Lösung, wenn man es so nennen kann. Denn im Grunde bleiben alle Fragen offen, und sie waren auch im Rahmen des Alten Testaments nicht zu beantworten, das noch keine übersinnlichen Güter kannte. Das spätere Judentum hat sich für die enge Auffassung der Freunde Hiobs entschieden. Der Christ, dem das Bewußtsein der Unschuld Lohn genug ist, sieht hier überhaupt keinen Widerspruch, auch nicht im Wesen Gottes. Gott irgendwelche anthropomorphe Eigenschaften beizulegen, ist bereits irreligiös, und daher läßt sich von ihm auch nicht aussagen, er sei »gerecht«, denn dies ist ein subalterner menschlicher Begriff. Sein Regiment ist Gnade und Rätsel. Weil es Gnade ist, vermögen Böse unbestraft zu bleiben; weil es Rätsel ist, vermögen Gute unbelohnt zu bleiben. Die ewige Heilstatsache ist: 522 daß er die Welt regiert. Wer an diese Tatsache glaubt, lebt allemal und überall in einer guten Welt, einerlei, wie es ihm äußerlich ergeht; wer an sie nicht glaubt, ist unter allen Umständen unselig. Wäre Hiob Christ gewesen, so hätte er nicht gefragt, warum es den Bösen so oft wohlergeht (denn dies ist nur in der Ordnung: sie bezahlen ja für ihr materielles Glück damit, daß sie ohne Gott leben müssen), sondern den Guten: warum sie zu der Gewißheit, Gott zu gefallen, auch noch den äußeren Lohn haben? Diese Erkenntnis besaß der Dichter noch nicht und konnte er auch gar nicht besitzen; und dennoch ist es, als läge über seiner Stirn ein Vorschatten des Heiligen Geistes, der in Christus Mensch geworden ist. 523

 

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