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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 254
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Hiob

Die Krone des Alten Testaments wird aber wohl für alle Zeiten das Buch Hiob bleiben. Es handelt von dem höchsten Problem, zu dem die antike Religiosität überhaupt gelangen konnte: dem Leiden des Gerechten. Für den Juden war dies eine furchtbare Fragestellung. Da er sich nur einen Gott denken konnte, der gerecht war nach menschlichem Ebenbild, und da der Tod, der »König der Schrecken«, wie ihn das Buch Hiob nennt, für ihn das Ende aller Dinge war, so mußte der Ausgleich zwischen Tun und Leiden in dieser Welt gefunden werden, und dieser Ausgleich mußte ein gerechter sein. War er es nicht, so stand nicht bloß der Einzelne, den unverdiente Strafe traf, sondern Gott selber auf dem Spiele! Deshalb sehen wir zu unserem Befremden im ganzen Alten Testament gerade die Frömmsten mit Gott hadern: Schon der Stifter der mosaischen 519 Religion liegt in unablässigem Streit mit seinem Schöpfer. Dazu kommt noch, daß der Mensch des Altertums das Kausalitätsverhältnis zwischen Schuld und Unglück gerade umgekehrt empfand wie der christliche: In ihm erzeugte nicht das Schuldgefühl einen Zustand von Unglückseligkeit, sondern die Unglückseligkeit ein Schuldgefühl. Deshalb suchen sowohl der Grieche und Römer wie der Babylonier und Israelit bei jedem Mißgeschick nach einer verborgenen Beleidigung der Gottheit. Alle diese dunklen Fragen erheben im Buch Hiob in vielstimmig anschwellendem Chor ihre bangen Stimmen.

Hiob ist eine uralte Gestalt der Volkssage. Er soll zur Zeit der Patriarchen als Beduinenscheich an der Grenze der syrischen Wüste gelebt haben, und sein Ausharren und unerschütterliches Gottvertrauen im Unglück hat sprichwörtliche Bedeutung erlangt. Wann aber der Dichter des Buchs Hiob gelebt hat, darüber gehen die Ansichten sehr auseinander. Die altjüdische Tradition nennt Mose als Urheber, viele katholische Theologen glaubten Jeremia als Verfasser ansetzen zu dürfen, Luther hat auf die Zeit Salomos geraten, und diese ist die orthodox evangelische Auffassung geblieben. Doch hat schon Herder auf die auffallende Tatsache hingewiesen, daß sich in der älteren hebräischen Literatur keinerlei Nachahmungsspuren des Hiobsbuches finden, die doch bei einem so unvergleichlichen Werk kaum zu vermeiden gewesen wären. Die lutherische Ansicht ist aber trotzdem insofern im Recht, als sich der Gedankenkreis der Dichtung sehr stark mit jenen Teilen der Bibel berührt, die Salomo zugeschrieben werden, nur eben irrtümlich. Man nimmt daher jetzt ziemlich allgemein für das Buch Hiob dieselbe Entstehungszeit an wie für die pseudosalomonischen Schriften: also die nachexilische, genauer die persische Periode. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß dem Dichter nicht ein älteres Volksbuch vorgelegen hat, das er in ähnlicher Weise benützte wie Goethe das vom Doktor Faust.

520 Das Gedicht beginnt auch ganz ähnlich wie das goethische. Der Herr spricht zum Satan: »Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn er hat seinesgleichen nicht im Lande, ist voll Gottesfurcht und meidet das Böse.« Der Satan antwortet: »Meinst du, daß Hiob umsonst Gott fürchtet? Du hast das Werk seiner Hände gesegnet. Aber recke deine Hand aus und taste an alles, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen?« Der Herr nimmt die Wette an und gibt Satan freie Hand, der hier noch nicht der Widersacher Gottes, vielmehr als »Ankläger« (dies bedeutet das hebräische Wort satan) ihm dienstbar ist, aber als Belaurer und Anzeiger dem Menschen übelwollend und sich am Bösen freuend, auch von vornherein nicht an Gutes glaubend, also eine Art Staatsanwalt. Nun treffen Hiob alle erdenklichen Schicksalsschläge: Tod seiner blühenden Kinder, Verlust seiner Habe, furchtbare Krankheit. Aber Hiob verharrt in gottergebener Demut. Es kommen Hiobs Freunde. Sieben Tage und Nächte sitzen sie um ihn herum, endlich öffnet Hiob den Mund zu einem großartigen Monolog, in dem er den Tag seiner Geburt verwünscht und die Toten glücklich preist. Und nun verschlingen sich wie in einer Symphonie seine Klagen und die Gegenreden der anderen zu einem reichen Gewebe der Motive. Zunächst suchen die Freunde den Dulder über sein Unglück schonend hinwegzutäuschen: es stehe ja nicht so schlimm mit ihm, alles werde sich zum Besten wenden. Dann lenken sie ihn vorsichtig, allmählich immer deutlicher darauf hin, daß es kein unverschuldetes Mißgeschick gebe, denn Gott könne kein Unrecht tun, daß er eben doch Sünde begangen haben müsse, denn alle Menschen seien ja Sünder. Dagegen aber bäumt sich Hiob auf: er will nicht bereuen, wie die Freunde ihm raten, denn er hat nichts zu bereuen, er will sich nicht zu Gott bekehren, denn er hat ihn nie verlassen, er will die Züchtigung nicht ruhig hinnehmen, denn er hat sie nicht verdient! Und so wandelt sich seine Verteidigung 521 unversehens in die wildeste Anklage gegen Gott: wie kann er die Kreaturen wegen ihrer Kreatürlichkeit strafen, die er ihnen selber angeschaffen hat, wie kann er mit ihnen ein so grausames Spiel treiben, bloß weil er die Macht hat, Fromme und Gottlose unterschiedslos zu vernichten? Da erklären die Freunde in rechtgläubigem Schauder, nun sei es offen am Tage, daß er ein arger Frevler sei, er habe es durch seine eigenen Reden bewiesen. Aber das steigert nur den Grimm Hiobs ins Übermenschliche, und seine fromme Blasphemik wagt das Äußerste: er fordert Gott als Justizmörder vor Gericht! Gott gegen Gott! Er ist über seine eigenen Worte entsetzt, aber er muß sie hinausschreien: »Hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir!«

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