Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 253
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Das Buch Jona

Von den übrigen prophetischen Büchern wollen wir nur das kleine Buch Jona kurz berühren, weil es unter ihnen eine eigenartige Stellung einnimmt, nicht nur wegen seiner betont heidenfreundlichen Tendenz, sondern auch weil es das einzige humoristische Stück des Alten Testaments ist. Es zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil wird erzählt, was Jona zur See erlebt. Der Herr schickt ihn nach der »großen Stadt Ninive«, damit er wider ihre Bosheit predige, aber Jona will nicht und flieht aufs Meer, wo er offenbar glaubt, vor Gott sicher zu sein. Darin hat er sich aber getäuscht, denn während er seelenruhig schläft, schickt der Herr ein großes Ungewitter. Die Schiffsleute fürchten sich sehr und fragen Jona: warum hast du denn solches getan?; »denn sie wußten, daß er vor dem Herrn floh, denn er hatte es ihnen gesagt«. Jona sagt: nehmt mich und werft mich ins Meer, dann wird es schon stille werden. Die Heiden benehmen sich sehr anständig: sie bieten noch einmal alles auf, um ans Land zu kommen, und als ihnen schließlich nichts andres übrigbleibt, als Jonas Rat zu befolgen, entschuldigen sie sich vielmals bei ihm und seinem Gott und bitten diesen, ihnen die notgedrungene Tat nicht anzurechnen. »Und der Herr verschaffte einen großen Fisch, Jona zu verschlingen«; aber auf Jonas Gebet spuckte ihn der Fisch nach drei Tagen wieder aus. Im zweiten Teil des Buches befindet sich der Prophet in Ninive. Er hält eine furchtbare Strafpredigt und verkündet: In vierzig Tagen wird Ninive untergehen. Da legt der König den Purpur ab und fastet in Sack und Asche, und die ganze Stadt, Mensch und Vieh, tut ebenso: auch die Ochsen und Schafe meiden Wasser und Weide, gehüllt in Säcke. Und Gott, gerührt über so viel Reue, beschließt, die Stadt nicht zu verderben. Das verdrießt 518 aber den Jona, denn jetzt steht er als Lügenprophet da, und er klagt: »Das habe ich ja gleich gewußt, daß du die Barmherzigkeit bist, deshalb floh ich ja vor dir, da möchte ich lieber gleich tot sein!« Und er geht vor die Stadt und setzt sich vor eine Hütte, um das Eintreffen der Prophezeiung von Gott zu ertrotzen. Der Herr verschaffte aber einen Kürbis, der wuchs über Jona und gab ihm Schatten, und Jona freute sich sehr über den Kürbis. Aber Gott verschaffte einen Wurm, der stach den Kürbis, daß er verdorrte. Jona möchte schon wieder gleich tot sein, der Herr aber spricht: »Dich jammert des Kürbisses und mich sollte nicht jammern Ninives, solcher großen Stadt, in der hundertzwanzigtausend Kinder sind, dazu auch viele Tiere?« Damit schließt die Geschichte, deren Hauptreiz die märchenhafte Form der »Gedankenflucht« und der kindliche Ton sind. Die tiefere Absicht des Dichters aber geht dahin, in einer Parabel zu zeigen, daß Gott auch die Heiden, die Unmündigen, die Tiere liebt und sein Wesen die Gnade ist, und zugleich will er in einer Satire, die aber immer liebenswürdig bleibt, das konventionelle Prophetentum treffen.

 << Kapitel 252  Kapitel 254 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.