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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 250
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Jeremia

Neben Habakuk erhebt sich die tragische Riesengestalt Jeremias. Seine Spuren lassen sich geschichtlich von etwa 625 bis zur Zerstörung Jerusalems, 587, verfolgen. Seine Berufung hat er selbst geschildert:

Also erging an mich das Wort Jahwes:
Schon im Mutterleib wardst du erwählt,
Ungeboren schon ausersehen!
Zum Propheten der Völker bist du bestellt!
Da sprach ich: ach Jahwe, Herr Jahwe, 511
Ich kann ja nicht reden, ich bin noch zu jung.
Doch Jahwe: sag nicht: noch zu jung!
Geh, wohin ich dich sende, sprich, was ich dir befehle!
Sieh, ich leg' dir mein Wort in den Mund,
Auszureißen und einzureißen,
Zu bau'n und zu pflanzen.

Und Jeremia redet; redet zum Gelächter Tag für Tag, denn alle spotten seiner. Und sooft er redet, muß er schreien! Und denkt er: Ich will nicht mehr an Ihn denken, nicht mehr reden in Seinem Namen, so ist's in seinem Herzen wie brennendes Feuer.

Jeremia hatte weder Weib noch Kind; sein ganzes Leben weihte er seinem Gotte und seinem Volke. Zwischen beiden steht er als der große Mittler. Er war der erste religiöse Genius, der zu Gott ein ganz persönliches Verhältnis gewonnen hatte, der erste Mensch, aus dessen Mund ein echtes Gebet geflossen ist, und in diesem Sinne geradezu eine Art Religionsstifter. Aber diese neue Gottesschau hat in Israel keine Wurzeln geschlagen, sie ist das alleinige Heilsgut des einsamen, verkannten Sehers geblieben und mit ihm ins Grab gesunken. Die weiseste Rede, die Zion bisher vernommen, wurde verhöhnt, der väterlichste Freund, den das Volk je besessen, wurde mißhandelt, beschimpft, gefangengehalten, am Leben bedroht. Aber nicht darüber trauert sein erhabener Klagegesang, sondern über das finstere Geschick, das seinem geliebten Lande verhängt ist, unabwendbar heranrückend, und das er dennoch unter Tränen herbeiwünschen muß, denn es ist gerecht, und mehr als gerecht: eine sittliche Notwendigkeit. Trotzdem war das Lamentieren durchaus nicht die Spezialität dieses großen, ja vielleicht größten Propheten. Die Klagelieder Jeremiä sind nicht von ihm, sondern die Reste eines Sammelwerks, das im Lauf von zwei Jahrhunderten entstanden ist. Er selber aber wird nichts weniger als ein Mann der Jeremiaden, sondern ein 512 Donnergewitter und eine Weltenuhr, die in ehernen Schlägen verkündete, daß alles Unglück über Israel nichts sei als die höchste Bestätigung Gottes, des Volkes, des Prophetentums, des Sinnes der Welt.

An der Einführung des Deuteronomismus unter Josia hat Jeremia mitgewirkt, aber nichts hat er erbitterter bekämpft als den Wahn, der Besitz des Gesetzes und des Tempels genüge für den Glauben. Das Volk rennt ins Gotteshaus und ruft: Hier ist der Tempel Jahwes, der Tempel Jahwes, der Tempel Jahwes! Dabei lebt es weiter in Sünden und aus Jerusalem sprudelt die Bosheit wie Wasser aus der Zisterne. Aber ich habe auch Augen, spricht Jahwe. Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten, Taube und Schwalbe wissen ihre Heimkehr: Das Volk aber weiß nichts vom Recht Jahwes. Wie kann es sagen: ich bin weise, ich habe die Heilige Schrift vor mir? Zur Lüge hat sie gemacht der Lügengriffel der Schriftgelehrten.

So stand Jeremia vier Jahrzehnte lang »als feste Stadt und eiserne Säule und eherne Mauer gegen das ganze Land«, sah Josia, den König des frommen Betrugs, gegen den Ägypter fallen und den Ägypter gegen den Chaldäer und die heilige Stadt erobert und ihres Volkes beraubt und noch einmal erobert und noch einmal entvölkert und den Tempel zu Asche verbrannt. Und er harrte aus unter geborstenen Steinen und gebrochenen Seelen, bis seine Leute fliehend ihn als eine Art Talisman nach Ägypten mitschleppten, wo sie ihn, wie eine glaubwürdige Überlieferung meldet, bei einer seiner flammenden Strafreden steinigten. Aber selbst wenn dies Legende sein sollte: einen edleren Märtyrer hat Israel nicht geboren bis zu den Tagen der frohen Botschaft.

Eine ganz andere Erscheinung ist Ezechiel, der bereits bei der ersten Einnahme Jerusalems, 597, mit seinen Landsleuten nach Babel gebracht wurde. Er ist der richtige Prophet des Exils, wenn man ihn überhaupt noch einen Propheten nennen kann. 513 Seine Schriften, verkrampft, barock, künstlich, dabei kleinlich und peinlich aufs Gesetz eingeschworen, sind ein merkwürdiges Gemisch aus rationalistischem Epigonentum und visionärer Epilepsie. Die Religion ist Literatur geworden, und Ezechiels Prophetie verhält sich in dieser Rücksicht zur echten etwa wie die Epik Voltaires zur Ilias. Bezeichnend dafür ist die berühmte Stelle im dritten Kapitel, wo der Herr Ezechiel ein Buch zu essen gibt. Die Berufung des Propheten erfolgt dadurch, daß er Schriftliches verschlingt. Von dieser Stunde an ist in ihm der Geist erweckt; aber der Geist ist ein Buch.

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