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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 248
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Jesaia

Mit dem Untergang Samariens geht die Prophetie auf Juda über. Vermutlich noch in die letzten Jahre Hoseas fällt der Beginn der Wirksamkeit Jesajas. Er ist der Verfasser der ersten neununddreißig Kapitel des biblischen Buches, das seinen Namen trägt. Von der Rolle, die er als politischer Ratgeber gespielt hat, wurde schon kurz gehandelt. Er besaß wie alle weltentrückten Geister einen scharfen Blick für große Weltzusammenhänge; die »Realisten«, die nur das Nächste sahen, haben sich aber von ihm nicht belehren lassen. Der Kerngedanke seiner Prophetie ist derselbe wie der seiner Vorgänger: Zion wird durch Gericht erlöst werden. Die Amtleute sind Schurken und Diebsgesellen, sie lieben das Geschenk und jagen nach Bestechung, der Waise schaffen sie nicht Recht und einer Witwe Sache kommt nicht vor sie; darum wird der Herr seine Hand gegen die Stadt kehren und sich letzen an seinen Widersachern. Immer noch ist Jahwe ein Gott der Rache, aber schon kehrt sich sein Vergeltungsdurst gegen den inneren Feind. Das Land ist voll von Silber und Gold, und ist der Schätze kein Ende, und voll von Rossen, und ist der Wagen kein Ende; die Reichen reihen Haus an Haus und lassen Feld an Feld stoßen, bis für 509 die andern kein Plätzchen mehr bleibt, und die Töchter Zions fahren stolz daher mit gereckten Hälsen und geschminkten Gesichtern und schwänzeln in köstlichen Schuhen. Gegen das Opfertreiben stürmt Jesajas Rede in noch brausenderen Rhythmen als ein halbes Jahrhundert früher Amos:

Was soll mir die Menge der Opfer, spricht Jahwe,
Satt bin ich der Widder, des Festes der Kälber,
Am Blute der Böcke erfreu' ich mich nicht!
Opfer zu bringen – ein Greuel ist es mir.
Neumond und Sabbat, Versammlung berufen,
Ich halt' es nicht aus – Festfeiern sind Frevel.
Sie sind mir zur Last, ich bin's müd, sie zu tragen.
Wenn ihr noch soviel betet, ich höre es nicht.
Schafft erst eure Bosheit mir fort aus den Augen,
Laßt ab von dem Bösen, lernt Gutes verrichten!

Für die Zukunft aber erhofft Jesaja einen gerechten König, der David gleicht. Er wird ein Friedensfürst sein, der alle versöhnt und jedem das Seine gibt. Unter ihm wird der Wolf beim Lamm und die Kuh bei der Bärin lagern, der Löwe Stroh fressen und der Säugling mit der Natter spielen, die Steppe zum Fruchtgarten und der Mond zur Sonne werden. Dieser Idealherrscher, den Jesaja Messias nennt, ist nichts weniger als ein religiöser Erlöser, sondern ein Sozialreformer und bon juge: für orientalische Verhältnisse schon ein sehr frommer Wunsch. Wiederum aber ist Jahwe Kosmopolit; denn auch Ägypten und Assur werden ihm huldigen, und nicht bloß diese, sondern alle Heidenvölker.

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