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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 246
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Amos

Sein Schüler Elisa, von dem bereits die Rede war, arbeitete mit den viel populäreren Mitteln des Hetzpfaffen, Verschwörers und Intriganten. Er wurde der Testamentsvollstrecker Elias, indem er durch den ruchlosen Jehu Ahabs Sohn und Nachfolger Joram, die böse Isebel und die ganze übrige Königssippe umbringen ließ. Der nächste Prophet, von dem Ausführlicheres berichtet wird, lebte unter Jerobeam dem Zweiten, der von 783 bis 743 regierte. Es ist der große Amos. Unter Jerobeam hatte es eine Zeitlang den Anschein, als sei eine neue davidische Glanzzeit für das Reich Israel heraufgezogen. Seine Grenzen reichten, stark und gesichert, fast so weit wie damals, der Erbfeind von Damaskus war entscheidend geschlagen, die Residenz Samaria strahlte von Elfenbein und Damast, Wagen und Waffen, reiche Opferfeste zollten Jahwe rauschenden Dank. Es war um 760 vor Christus, als zu Bethel, dem vornehmsten Heiligtum des Landes, der Stätte der Jakobsleiter, wieder eine solche Feier jubelnd zum Himmel stieg. Da mischt sich plötzlich in den Trubel ein Fremder, der Schafhirt Amos aus dem fernen judäischen Flecken Tekoa, und erhebt gellend die Totenklage! Jeder kennt ihren schmerzlichen Tonfall, der nur in jenen trüben Augenblicken angestimmt wird, wo der Mensch 506 an der Bahre seiner Nächsten steht. Aber nicht über diesen oder jenen, über ganz Israel breitet der gespenstische Gast seinen Trauergesang: »Gefallen ist, nicht mehr steht auf die Jungfrau Israel!« Denn nahe ist ihr Untergang. Das war Gotteslästerung! Es hieß entweder an der Macht oder an dem guten Willen Jahwes zweifeln, ja, es hieß Jahwes eigenen Untergang verkündigen, denn mit dem Volk muß auch der Volksgott sterben. Und alsbald herrscht denn auch der Oberpriester Amos an: »Seher, mache, daß du schleunigst fortkommst in das Land Juda, und iß dort Brot und spiel dort den Propheten. Aber in Bethel sollst du nicht länger prophezeien, denn das ist ein königliches Heiligtum und ein Reichstempel.« Die satte Legitimität erhebt sich, gestützt auf die Breite der »öffentlichen Meinung«, gegen das Ketzertum eines einsamen Erleuchteten und bleibt für den Augenblick siegreich, aber das Licht vermag sie nicht auszulöschen: Amos weicht der Gewalt der Kirchenpolizei und kehrt in das Provinzdunkel seines Heimatstädtchens zurück, aber dort zeichnet er seine Prophezeiungen auf, der Menschheit zum ewigen Gedächtnis.

Das völlig Neue in der Predigt des Amos ist die Umkehrung der Anschauungen vom »Tag Jahwes«. Aus einem Tag des Lichts wird ein Tag des Grimms und der Finsternis: dies irae, dies illa. Israel wird vernichtet werden, trotz Jahwe, durch Jahwe selber! Jahwe triumphiert durch Assur über Israel. Amos spricht den verhängnisvollen Namen des Volkes, das der Herr mit dem Strafvollzug beauftragt hat, nicht aus, aber er meint es. Das Strafgericht aber erfolgt, weil das Maß der Sünden voll ist: Rechtsbeugung und Ämtermißbrauch, Beraubung und Bedrückung, Völlerei und Unzucht haben eine unerträgliche Höhe erreicht. Der Herr ist aber kein feiler Richter, der Bestechungen annimmt, denn nichts anderes sind die Opfer; in zornigen Versen verwirft er sie durch den Mund des Propheten: 507

Ich hasse, verschmäh' eure Feste
Und kann eure Feiern nicht riechen!
Eure Speiseopfer liebe ich nicht,
Eure Kalbsopfer seh' ich nicht an!
Schafft fort das Geplärr eurer Lieder,
Das Spiel eurer Pauken und Harfen!
Wie Wasser quelle das Recht,
Gerechtigkeit sei wie ein Bach.

Gott kennt nur eine Beleidigung: die Sünde, und nur soweit Israel Gerechtigkeit übt, ist es sein Volk. Damit ist die Gleichung »Jahwe der Gott Israels, Israel das Volk Jahwes« auseinandergebrochen, und Amos läßt Jahwe das große Wort sprechen, in dem ein neues, weltumspannendes Gottesgefühl seine ersten Atemzüge tut: »Seid ihr Kinder Israel mir nicht wie die Mohren?« Und doch besteht ein besonderes Verhältnis zwischen dem Herrn und diesem Volk: ihm allein hat er durch Wort und Tat seinen Willen offenbart; aber eben weil es allein unter allen Völkern diesen Willen kennt, ist es verhalten, ihn zu befolgen. Uns allein kennt der Herr, brüsten sich die Frommen; euch allein kennt er, erwidert Amos, darum wird er euch auch heimsuchen in all eurer Missetat.

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