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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 245
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Elia

Die Schuleinteilung in große und kleine Propheten ist ganz äußerlich, denn sie geht nur auf den Umfang der hinterlassenen Schriften; ebenso irreführend ist die Abtrennung der »schriftstellernden« Propheten von den früheren, denn sie macht den zufälligen Nebenumstand, daß sie etwas aufgeschrieben haben, zum Wesensunterschied und Hauptmerkmal. Die Geschichte der Prophetie beginnt mit Elia, der ersten Prophetengestalt, deren Wirken die Überlieferung in deutlichen und einprägsamen Zügen aufbewahrt hat. Es fiel in die Zeit des Königs Ahab von Israel, also in das zweite Viertel des neunten Jahrhunderts. Dieser huldigte seiner tyrischen Gemahlin Isebel zuliebe neben Jahwe dem Ba'al: eine Art Doppelversicherung, wie sie dem antiken Religionsempfinden durchaus geläufig war. Der Prophet aber, der bereits erkannt hat, daß wahrer Glaube etwas Unbedingtes ist, ergießt über dieses »Lahmen auf beiden Beinen« seinen glühenden Hohn und Haß: Elia hat Jahwe erblickt als den einen Gott Israels; freilich noch nicht als den All-Einen. Aber auch als ethische Macht bewährte er sich in der Sache des Naboth. Dieser, eine Art »Müller von Sanssouci«, wollte dem König einen Weinberg, der an den Park des Palastes grenzte, nicht verkaufen, darauf brachte die hoffärtige und hinterlistige Isebel ihn ums Leben; als aber Ahab von dem Grundstück Besitz ergreifen will, steht dort Elia im härenen Mantel und verkündigt ihm und seinem Geschlecht in Donnerworten den Untergang.

505 Elia ist eine ganz finstere Gestalt, unerbittlich bis zur Unmenschlichkeit, von marmorner Härte und Reinheit und einer titanischen Kraft, in der noch etwas Urtümliches waltet. Die dunkelfarbigen Legenden, die ihn umkleiden, haben die Phantasie der Nachwelt jahrtausendelang bewegt und sein Bild nicht zu verdecken vermocht, das vielmehr aus ihnen stärker und wahrhaftiger redet als anderswo aus noch so beglaubigten Daten und Taten. Sein Heldenleben war ein einziger wilder Wettersturz und funkelnder Flammenregen, brennend für Glaube und Recht, und im Feuerwagen ist er durch Wetter zum Himmel gefahren. Sein großes Schauen und Wollen wurde von allen bestaunt, von niemand verstanden.

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