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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 244
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Gaukler Gottes

Nietzsche gibt im Antichrist einmal eine eigenartige Definition, die wie ein überraschendes Blitzlicht wirkt: »Prophet: das heißt Kritiker und Satiriker des Augenblicks.« In der Tat: die Satire, in einem sehr sublimen Sinne genommen, war eine der stärksten Komponenten des Wirkens der Propheten, und ihr innerstes Thema war stets der große Augenblick. Wenn Jesaja in der schimpflichen Tracht eines Kriegsgefangenen auftritt, um vor dem Abfall von Assur zu warnen, und Jeremia mit einem Joch auf dem Nacken, um darzutun: also sei es Gottes Wille, daß alle Völker ihren Nacken unter Nebukadnezar beugen, so sind das parodistische Szenen von einer gruseligen Bizarrerie, wie sie nur die Propheten wagen durften. Bloß hier: im rein Religiösen hat es der Volksgeist vermocht, sich zu genialen Kunstschöpfungen emporzuschwingen. Die Propheten waren die einzigen Individualitäten der israelitischen und jüdischen Geschichte: große Poeten, große Geschichtsphilosophen, große Gaukler Gottes. Damit hängt es wohl auch zusammen, daß sie zwar »sozial« denkend, aber keineswegs demokratisch waren. Sie haben die Masse beschützt, belehrt, begütigt, aber im vollen Bewußtsein 503 eines ihnen eingeborenen Übermenschentums tief unter sich erblickt.

In ihrem Hauptberuf waren sie gewaltige Straßenredner. Ihre Kanzel war der Marktplatz, eine alte Opferstätte oder Wiese und Feld, ihre äußere Erscheinung eine Mitte aus griechischem Wanderlehrer und mittelalterlichem Bußprediger. Bücher in unserem Sinne haben sie keine geschrieben, sondern bloß Flugblätter oder höchstens Sammlungen von Flugblättern. Ihr Werkzeug war das lebendige Wort, das kommt und geht, wie Gott es bewegt, bald kindlich schlicht, volkstümlich und fast gewöhnlich, bald unausdeutbar tief, abgründig und rätselbeladen, bald kühn mit den letzten Fragen ringend, bald in flüchtiger Anspielung die nächsten Eintagssorgen streifend. Als reguläre Schriftsteller kann man sie schon deshalb nicht ansehen, weil ihren Reden jede logische oder künstlerische Architektur fehlt, vielmehr die Gedankenglieder aneinanderschließen wie Kristalle und auch das einzelne Wort nicht der Verdeutlichung dient, sondern der Suggestion. Es herrscht bei ihnen nicht die saubere Porträtplastik, die bereits Homer so souverän meistert, sondern eine gejagte Bilderflucht wirrer Gleichnisse, die einander kreuzen und aufheben. Dabei kommt ihnen die himmelstürmende Problematik ihrer Gedanken gar nicht zum Bewußtsein; sie finden sie selbstverständlich und den Widerstand der Zeitgenossen unverständlich. Die Grundidee ihrer Verkündigung, die der Fassungskraft der Menschheit um Jahrhunderte vorauseilte, läßt sich in dem Satz zusammenfassen: die Weltgeschichte ist von Gott konzipiert, und zwar als Theodizee. Diese Wahrheit, dem Christen fast angeboren, war für den antiken Menschen von einer an Wahnsinn grenzenden Neuheit und Paradoxie.

Daß die Propheten sich niemals auf das Gesetz berufen, hat man früher ebenfalls mit ihrer hohen Denkweise erklärt, von der aus sie es bereits tief unter sich erblickt hätten; heute weiß 504 man, daß sie es einfach noch nicht kannten. Auch im messianischen Gedankenkreis sind sie noch lange nicht dermaßen befangen wie das spätere Judentum. Ebenso ist der häßliche Begriff eines Vertrags mit Gott den älteren Propheten noch fremd, wenigstens gebrauchen sie ihn nie. In dem christlichen Teil der Bibel ist von einem Bund überhaupt keine Rede; das griechische Wort diatheke bedeutet nicht zweiseitigen Vertrag, sondern: einseitige Verfügung, Gnadengabe, »Letzten Willen« Gottes und wird daher ganz zutreffend mit Testament übersetzt.

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