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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 243
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Prophetie

Wir sprechen natürlich von den Propheten. Sie sind eine Erscheinung, die nur Israel gekannt hat. Nicht als ob es vorher und nachher nicht auch anderwärts welche gegeben hätte; aber sie waren nur dem Namen nach dasselbe. Bei den Kanaanitern waren die Propheten eine Art Derwische, die sich »tanzend und heulend« in religiöse Ekstase versetzten und gegen Bezahlung Wunderkuren vollbrachten, Orakel spendeten und Dämonen austrieben. Auch bei den Israeliten war der nabi ursprünglich eine Art Kreuzung aus Scharlatan und Halbnarr, obgleich die reine Bedeutung des Wortes nichts anderes besagen will als: Überbringer, Melder, nämlich von göttlichen Mitteilungen. Die Nebiim zogen in Scharen umher, steigerten sich durch orgiastische Musik in eine Art Rausch, rissen sich die Kleider vom Leibe und zerfleischten sich; ihr Treiben ähnelte einigermaßen dem der Flagellanten und Veitstänzer des ausgehenden Mittelalters. Der Prophet Amos verbittet es sich ausdrücklich, ein Nabi genannt zu werden, und ebenso wendet sich der Prophet Micha, in dem Amos gleichsam wiederaufersteht, gegen 501 die landläufigen Propheten, »die da wahrsagen um Geld«; seine Meinung über sie läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Sie predigen, es solle wohlgehen, wo man ihnen zu fressen gibt; wo man ihnen aber nichts ins Maul gibt, da predigen sie, es müsse ein Krieg kommen.« Auch das geflügelte Wort: »Wie kommt Saul unter die Propheten?« wirft ein merkwürdiges Licht auf die ursprüngliche Einschätzung dieses Standes. Die Stelle im ersten Buch Samuelis, auf die es zurückgeht, hat nämlich nicht etwa den Sinn einer Verbeugung: wie darf ein Weltkind sich unter die Gottesmänner mischen?, vielmehr schimmert eine verächtliche Beurteilung durch: was hat ein Kriegsmann sich mit solchem Unfug abzugeben? Hier blicken zwei Urgegensätze der Menschheit einander ins Antlitz: »Schwert« und »Geist«. Auch als ein Prophet, von Elisa gesandt, Jehu heimlich zum König salbt, fragen die Hauptleute: was hat der Verrückte von dir gewollt? Es ist etwa die Art, wie im achtzehnten und auch noch im neunzehnten Jahrhundert Offizierskreise »Literatur« ansahen.

Heute denkt man bei einem Propheten in erster Linie an einen Menschen, der weissagt. Aber mit prophetes, obgleich es wörtlich »Vorhersager« bedeutet, wird auf griechisch niemals ein »Seher« bezeichnet, der die Zukunft enthüllt: solche Personen, den Kalchas, den Teiresias und alle die anderen, nannte man in Hellas mantis. Die Hauptaufgabe der israelitischen Propheten war auch keineswegs das Prophezeien. Soweit sie sich mit Weissagungen überhaupt befaßten, sind diese in den Einzelheiten fast niemals eingetroffen; und trotzdem haben sie im Wesen und in der Tiefe stets das Richtige vorausverkündigt. Denn ihre heilige Mission war, den Dingen ins Herz zu blicken, deren innere Wahrheit und verborgenen Sinn zu erkennen, nicht: Geschichte zu machen und Schicksal zu spielen. So haben sowohl Amos wie Hosea erwartet, daß die Dynastie Jehus durch die Assyrer gestürzt werden würde, während sie als 502 Opfer eines wilden Bürgerkriegs fiel und die Katastrophe Samarias erst zwei Jahrzehnte danach eintrat; aber die eherne Tatsache, daß dieses blutige Geschlecht und ganz Israel zum Untergang reif war, haben sie klar erschaut. Sowohl Jesaja wie Micha haben den Fall Jerusalems bereits um 700 prophezeit und sich dabei um mehr als ein Jahrhundert geirrt. Jeremia hat unaufhörlich mit dem Feind aus Norden gedroht, der Juda vernichten werde, aber er meinte damit die Skythen, und er bemaß die Verbannung in die Fremde mit siebzig Jahren. Aber was bedeuten falsche Namen und Ziffern vor der ewigen Wahrheit, daß der Wille Gottes die Tage lenkt in Weisheit und Gerechtigkeit? Siebzig Jahre oder fünfzig Jahre, Skythen oder Chaldäer: die große innere Wirklichkeit des Strafgerichts, um die es ging, hat Jeremia erkannt.

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