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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 242
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Alter und Neuer Bund

Hegel sagt in seiner Philosophie der Geschichte: »So sehr eine Religion irrt, hat sie doch die Wahrheit, wenn auch auf verkümmerte Weise. In jeder Religion ist göttliche Gegenwart, ein göttliches Verhältnis.« Macht man sich diese schönen Worte zu eigen, so muß man sagen: schon die Urreligion der Israeliten war echte Religion, ihre spätere aber der Ausdruck einer besonders nahen Gegenwart Gottes und eines besonders starken Verhältnisses zu ihm. Vor allem ist hier zum erstenmal die Natur völlig entgöttert: Werkstück und Werkzeug eines erhabenen Geistes und dessen bloßer Schatten und Spiegel. So weit sind selbst die Griechen nicht gelangt, denn alle ihre Götter 498 waren in die Natur gebannt: Poseidon lebt und webt im Gewässer, ja er ist das Gewässer; aber der Gott Israels schwebt über den Wassern.

Die Urchristen erklärten denn auch das Alte Testament für ein christliches Buch; Paulus sagte: Für uns ist es geschrieben, die Christen sind Abrahams Same, das wahre Israel, und die Kinder Israel verstehen es nicht, »denn ihre Sinne sind verstocket«. Umgekehrt lehrte im neunzehnten Jahrhundert die protestantisch-orthodoxe Schule der extremen Hengstenbergschen Richtung, schon zur Zeit des Alten Bundes habe man das christliche Heil als zukünftiges Gut genossen: eine Überspannung des Schriftprinzips, die in einem gewissen Sinne geradezu widerchristlich genannt werden muß. Das katholische Dogma hat die weise Mitte getroffen, als es festsetzte, der Alte Bund sei nur dazu berufen gewesen, die Heilsoffenbarung, die erst Christus vermittelte, zu verheißen und vorzubereiten. Erst der Neue Bund war der vollkommene und endgültige. Es ist ein verhängnisvolles Mißverständnis, wenn Christen bisweilen vom Alten Bund wie von etwas noch immer Bestehendem reden; denn durch die Erscheinung Christi ist er erloschen.

Wenn man, wie sich dies bei dem Versuch einer objektiven Beurteilung geziemt, die höchsten und die tiefsten Stellen ausmißt, so wird man feststellen dürfen, daß die Schriften des Alten Bundes auf ihren Gipfeln in der Tat einige Male in die Nähe des Neuen Testaments gelangen, aber nur einige Male und nur in die Nähe, und daß sie in ihren viel zahlreicheren Niederungen nur noch vom »kulturhistorischen« Standpunkt überhaupt zu den Religionsurkunden gerechnet werden können. Wenn gläubige Juden und ungläubige Christen es fertiggebracht haben, die Religion Mosis neben, ja über die der Evangelien zu stellen, so ist dies ganz offenbar der Ausdruck gewisser moralischer und geistiger »Ausfallserscheinungen«. So sagt zum Beispiel Moses Mendelssohn: »Die Religion 499 meiner Väter weiß nichts von Geheimnissen, die wir glauben und nicht begreifen müßten . . . Hier ist kein Kampf zwischen Religionen und Vernunft, kein Aufruhr unserer natürlichen Erkenntnis«; dies hält er allen Ernstes für einen Vorzug! In der besten jüdischen Darstellung des Lebens Jesu, Joseph Klausners Jesus von Nazareth, einem Werk, das, auf jahrelangen gewissenhaften Studien fußend, sichtlich vom Willen zur Unparteilichkeit geleitet ist, findet sich der Satz: »Die Jesu zugeschriebenen Worte: ›Mein Reich ist nicht von dieser Welt‹ sind durchaus charakteristisch für das Christentum, doch im Munde Jesu, des Juden, einfach unmöglich.« Diese Worte widerstreiten in der Tat aufs äußerste dem jüdischen Weltgefühl: Darin hat der Verfasser vollkommen recht. Daß er als »Gelehrter« die Gestalt Jesu von Nazareth als eine rein menschliche Erscheinung auffaßt, ist ebenfalls noch durchaus verständlich. Hingegen ist es bereits grotesk, daß er in ihr einen Juden erblickt. Daß von ihm aber gerade jene Worte, die vor allem anderen Jesus als Heiland bezeugen, für unhistorisch erklärt werden, beweist, daß ihm infolge eines geradezu pathologischen Defekts das Evangelium ein versiegeltes Buch geblieben ist. Von Nietzsche läßt sich das keineswegs behaupten; er hat an vielen Stellen das tiefste und zarteste Verständnis für die Gestalt Christi bekundet. Gleichwohl stellte er das Alte Testament turmhoch über das Neue: »In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk«; »im jüdischen ›Alten Testament‹ gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftentum ihm nichts zur Seite zu stellen haben. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einmal war – der Geschmack am Alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf ›groß‹ und ›klein‹.« Nietzsche mußte immer 500 etwas auszuspielen haben: die Renaissance gegen die Reformation, das siebzehnte Jahrhundert gegen das achtzehnte, die Wiederkunft des Gleichen gegen den Evolutionismus, die Vorsokratiker gegen Plato, Bizet gegen Wagner. Selbst seine Herrenmoral ist nur am Kontrast zur Herdenmoral zu jener suggestiven Pracht emporgewachsen. Und so hat er auch als »Antichrist« die eigentümliche Größe und Schönheit des Alten Testaments wiederentdeckt und aufs neue in funkelndes Licht gesetzt. Und in der Tat: wandelt man auf den höchsten Kämmen jener geheimnisvollen Welt, so fühlt man Erschütterungen, wie sie von keinem zweiten Buche ausgehen; denn hier waltet ein Seelenklima einziger Art: simple und riesige Erhabenheit kahler Felsöde, wilde und weite Einsamkeit gelber Wüste, Hitze und Helle eines tropischen Himmels, der keine Lichter und Schatten kennt, nur ein großes verzehrendes Licht.

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