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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 241
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die ersten Historiker

Herder fand eine sehr glückliche Formel, als er das Alte Testament eine Sammlung von Nationalmärchen nannte: Man müsse, sagte er, die »sowohl kindliche als durch und durch dichterische Auffassungsweise seiner morgenländischen Verfasser« nachempfinden. Andrerseits aber sind die Israeliten doch auch wieder etwas ganz anderes gewesen als die übrigen Märchenerzähler des Orients: nämlich die ersten Historiker, die die Weltgeschichte kennt. Carlyle sagt einmal: »Der Historiker spricht: Johann ohne Land ist hier vorbeigegangen – das ist bemerkenswert! Der Physiker dagegen: Johann ohne Land ist hier vorbeigegangen – das ist mir sehr gleichgültig, da er nicht wieder vorbeikommt!« Und Heinrich Rickert präzisiert denselben Gegensatz in voller Schärfe mit den Worten: »Die Wirklichkeit wird Natur, wenn wir sie betrachten mit Rücksicht auf das Allgemeine, sie wird Geschichte, wenn wir sie betrachten mit Rücksicht auf das Besondere.« In diesem Sinne ist jede Weltbetrachtung, mit Ausnahme der geschichtlichen, Naturwissenschaft. Der Historiker ist eine eigene Fakultät, denn, im Gegensatz zum Juristen und Mediziner und auch zum Theologen und Philosophen (soweit diese nicht selbst Historiker sind), interessiert 496 er sich für das Einmalige und Besondere und nur sehr nebenher oder vielmehr gar nicht für die Regel und die Wiederholung. Bei den Ägyptern und Babyloniern war aber, wie wir an allen Beispielen sahen, der Sinn für das Singuläre der historischen Tatsachen noch so wenig ausgebildet, daß sie bei deren Wiedergabe ohne Bedenken immer dieselben Klischees verwendeten oder auch ganz einfach in eine alte Erzählung einen neuen Namen einsetzten, ja auch in ihrer Dichtung herrscht der Typus, und die Gestalten ihrer Märchen und Sagen könnten ihre Erlebnisse ohne Schwierigkeiten untereinander austauschen. Es gibt bei ihnen sozusagen noch keine Eigennamen. Die Ägypter hatten Schreiber, die Israeliten bereits Schriftsteller. Der Prophet Amos ist der erste Mensch der Weltgeschichte, von dem wir wissen, daß er ein »Buch« verfaßt hat, indem er individuelle Gedanken in persönlichem Stil niederschrieb und mit seinem Namen signierte. Andrerseits aber darf man bei den biblischen Schriftstellern doch auch wieder nicht die vollentfaltete Subjektivität der modernen Autoren suchen, vielmehr waren sie alle noch von einem starken Konventionalismus beherrscht, weshalb Gunkel, gewiß nicht ohne Berechtigung, erklärt hat, die israelitische Literaturgeschichte sei eine bloße Geschichte der literarischen Gattungen. Und ebensowenig war die biblische Geschichte Historie im heutigen Sinne. »Eine Wissenschaft um ihrer selbst willen«, sagt Hugo Winckler, »ist für den Orientalen etwas Unbegreifliches, eine der vielen fränkischen Narrheiten, über die sein Kindergemüt innerlich lacht.« Im Orient ist alle Wissenschaft angewandte Wissenschaft: Astronomie ist Astrologie, Chemie Alchimie, Physik Magie, Philosophie »praktische Philosophie«, das heißt: Ethik oder Lebensweisheit, und so auch alle Geschichte angewandte Geschichte, pragmatische Geschichte, die einen bestimmten Zweck verfolgt und etwas beweisen will. In dieser Richtung ist das Alte Testament das kühnste und gewaltigste Geschichtswerk, das jemals geschrieben 497 wurde; denn nie wieder ist es gewagt worden, alles Geschehen auf einen einzigen Blickpunkt zu orientieren, von dem aus Himmel und Erde, Genesis und Jüngstes Gericht, Liebe und Tod, Essen und Schlafen, das Größte und Kleinste, Weltbewegendste und Privateste seinen bösen oder guten und überhaupt erst seinen Sinn erhält. Dieser geometrische Ort aller Dinge, das große Zifferblatt der Weltenuhr, die Achse, um die sich das Rad der Geburten dreht, ist Zion. Es ist das, was Nietzsche die »jüdische Umwertung« nennt. Aber hatten jene alten »Pragmatiker« mit ihrem naiven Glauben, daß alles im Hinblick auf sie geschehe, denn gar so unrecht? Gottes Finger hält die tanzenden Sonnenstäubchen ebenso in der Waage wie die jagenden Milchstraßen, und beider Lebenslauf und gegenseitige Anziehung stehen unter seinem Gesetz: wer vermag zu sagen, was der »größere« Gegenstand seiner Fürsorge ist? Ihm ist alles Mittelpunkt: omnia ubique. Dies ist ja eben das Wesen der Religion: sich stets in der Hand und dem Herzen Gottes zu fühlen und in aller Demut von der seligen Gewißheit getragen zu sein, daß kein Strom und kein Ozean ihm mehr bedeuten als die geringste Kreatur. Zu dieser tiefen Erkenntnis war Israel zuerst und allein vorgedrungen, und so betrachtet durfte es sich in der Tat als das »auserwählte Volk« empfinden.

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