Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 240
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Echt und unecht

Wie man sieht, ist die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments ein sehr kompliziertes Problem, ja es liegt sogar noch viel komplizierter, als es nach dem fragmentarischen Abriß, der hier gegeben wurde, den Anschein hat, denn dieser stellt, um die Wahrheit zu gestehen, den Entwicklungsvorgang wesentlich verkürzter und vereinfachter dar, als er war und von der theologischen Wissenschaft gesehen wird.

Indes ist die Bibel ja keineswegs bloß für Theologen geschrieben worden, und so kann denn zum Schluß unserer 494 Untersuchung die Bemerkung nicht unterdrückt werden, daß alle diese Dinge den Laien, der mit reinem und glaubensbereitem Sinn an die Heilige Schrift herantritt, mehr verwirren als fördern. Er nehme, den edlen Leitworten Goethes folgend, das Schlichte und Erhabene, Gütige und Gottnahe, worin bereits eine Ahnung des Heilands leise die Schwingen rührt, für echt und das Häßliche und Verdrehte, Erdenschwere und Widerchristliche für unecht, auch wenn es sich vielleicht nach den Ergebnissen der Textkritik gerade umgekehrt verhalten sollte. Denn deren Maßstäbe schwanken; diese Richtschnur aber ist unwandelbar. Man glaube ruhig, daß der Pentateuch von Mose geschrieben ist, denn in einem höheren Sinne ist es wahr. Mose: Das ist der Geist Israels, der Extrakt und Repräsentant jener einmaligen Art, die Welt zu sehen und in ihr zu handeln, die eben israelitisch ist. Es ist nicht gut vorstellbar, daß solch ein exemplarischer Mensch eine bloße Traumspiegelung gewesen sein soll; aber selbst wenn er niemals gelebt hätte, so bliebe noch immer das Gedicht als eine große und wahre Tatsache, in der die Lebensgeschichte eines ganzen Volkes aufbewahrt ist. Der Doktor Faust ist bekanntlich eine historische Figur. Unzählige Hände haben an seinem Bilde gemodelt, und doch ist er durch alle Wandlungen im Grunde derselbe geblieben. Schon in der ersten mündlichen Überlieferung, einer »Sammelsage«, die noch zu seinen Lebzeiten aufkam, steht er fix und fertig da als der Schwarzkünstler und Teufelsbündler, Reiter auf dem Faß und Flieger auf dem Zaubermantel, Meister magischen Wissens und Beschwörer der Geister Griechenlands, kurz: als die Seele der deutschen Renaissance, und Goethe hat nur die letzte Summe gezogen. Ähnlich verhält es sich mit Mose, aber auch mit den übrigen Helden der alttestamentlichen Bücher. Selbst so finstere und fremdartige Zeloten wie Esra und Nehemia treten uns plastisch nahe, und sie zu betrachten, ist nicht ohne Wert, denn sie wollten ja das Beste ihres Volkes, ihre 495 Mittel waren unrein, aber ihre Absichten rein. Und die Gestalten Abrahams, Isaaks und Jakobs, Sauls, Davids und Salomos und vieler anderer haben trotz dreifacher und vierfacher Übermalung ihre lebendige Porträtähnlichkeit nicht verloren, denn die Bearbeiter des Alten Testaments sind irgendwo immer aufrichtig, sie sehen den Menschen in seiner ganzen geistigen und fleischlichen Schwäche, seinem ewigen Irren und Straucheln und ergreifenden Wandel durch Schatten und Versuchung, und dieser ehrliche Wille, nichts zu beschönigen und zu vertuschen, gießt über alles den Abglanz einer göttlichen Wahrheit. Was bedeuten da Dubletten, Widersprüche und Anachronismen! Auch das Leben liebt es, sich zu wiederholen und sich zu widersprechen, und ist voll von Anachronismen.

 << Kapitel 239  Kapitel 241 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.