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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der historische Kontakt

Wir machen nicht bloß unsere Geschichte: auch die, welche uns voraufgegangen ist. Man sagt: die Gegenwart steht im Schatten der Vergangenheit. Aber ebensogut kann man behaupten: die Vergangenheit ist der Schatten, den die Gegenwart wirft. Hier gilt nicht das Gesetz von der Nichtumkehrbarkeit des Zeitablaufs. Geschichte ist nicht etwas, wobei wir uns etwa rein 53 empfangend und passiv verhalten, sondern der Kontakt zwischen zwei geistigen Kraftströmen. Sie verwandelt uns, und wir sie. Auch Huizinga spricht einmal vom »historischen Kontakt, den eine unbedingte Überzeugung der Echtheit, Wahrheit begleitet« und bemerkt dazu: »Auf dem Grabe Michelets hat man dessen Worte angebracht: ›L'histoire c'est une résurrection‹. Taine sagte: ›L'histoire c'est à peu près voir les hommes d'autrefois‹. In ihrer Unbestimmtheit sind diese beiden Aussprüche brauchbarer als sorgfältige erkenntnistheoretische Definitionen. Auf das ›à peu près‹ kommt es an.« Dieses »Erleben des Historischen« sei nahe verwandt »mit dem Begreifen von Musik, oder besser der Welt durch Musik«. Verhält es sich so, und wir können es kaum bezweifeln, so liegt die Analogie zwischen historischem und ästhetischem Empfinden klar zutage. Etwas ganz Ähnliches meinte Kant, als er sagte: »Das Geschmacksurteil gründet sich auf Begriffe von umfassender Geltung, aber auf unbestimmte.«

Wie erklärt sich diese Fähigkeit des Menschen zur historischen Vision? Georg Simmel denkt dabei, allerdings nicht ohne Zögern, an vererbte Gattungserinnerungen. »Wie unser Körper in den rudimentären Organen unmittelbar die Spuren früherer Epochen bewahrt, so enthält unser Geist die Resultate und die Spuren vergangener psychischer Prozesse von den verschiedenen Stufen vergangener Gattungsentwicklung her.« So materialistisch-biologisch läßt sich das Rätsel freilich nicht lösen. Sondern durch Gottes prästabilierte Harmonie stehen wir mit allen Kreaturen, die er je geschaffen, in dauernder Kryptogamie. Oder vielmehr: Diese Harmonie ist latent; sie kann jederzeit zum Leben erweckt werden. Vielleicht dachte Ranke an etwas dergleichen, wenn er sagte, die Taten Gottes zu erkennen, sei die Aufgabe des Geschichtsschreibers. Aber diese Taten Gottes – sie sind nichts anderes als die berühmten rankeschen »Ideen« – können, das betont Ranke oft und mit Nachdruck, 54 nicht in Begriffen ausgedrückt, nur »angeschaut« werden; nur ein Mitgefühl ihres Daseins kann man in sich erzeugen.

Aber nicht nur diese Ideen wandeln sich, indem jede aus ihrem Schoße eine neue gebiert, sondern auch unsere Ideen von diesen Ideen. »Daß die Weltgeschichte«, sagt Goethe in der Farbenlehre, »von Zeit zu Zeit umgeschrieben werden müsse, darüber ist in unseren Tagen wohl kein Zweifel übriggeblieben. Eine solche Notwendigkeit entsteht aber nicht etwa daher, weil viel Geschehenes nachentdeckt worden, sondern weil neue Ansichten gegeben werden, weil der Genosse einer fortschreitenden Zeit auf Standpunkte geführt wird, von welchen sich das Vergangene auf eine neue Weise überschauen und beurteilen läßt.« Alle Geschichte ist Gegenwart. »Indem wir es also nur mit der Idee des Geistes zu tun haben und in der Weltgeschichte alles nur als seine Erscheinung betrachten«, lautet eine Kernstelle in Hegels Philosophie der Geschichte, »so haben wir, wenn wir die Vergangenheit, wie groß sie auch immer sei, durchlaufen, es nur mit Gegenwärtigem zu tun; denn die Philosophie, als sich mit dem Wahren beschäftigend, hat es mit ewig Gegenwärtigem zu tun. Alles ist ihr in der Vergangenheit unverloren, denn die Idee ist präsent, der Geist unsterblich, das heißt: er ist nicht vorbei und nicht noch nicht, sondern ist wesentlich itzt

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