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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 239
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die historischen Bücher

Die deuteronomistische Bearbeitung erstreckte sich nicht bloß auf den Hexateuch, sondern auf alle biblischen Bücher, soweit sie bereits vorlagen. Der leitende Grundgedanke war: Israel ist zum heiligen Volke auserwählt, widerstrebt aber seiner Sendung durch Sünde, Götzendienst und Ungesetzlichkeit; die Zerstörung Jerusalems und Verstoßung ins Exil ist das verdiente göttliche Strafgericht. Auf die deuteronomistische Umschmelzung folgte noch eine zweite und dritte im Sinne der Priesterschrift; so besteht zum Beispiel das Richterbuch aus zusammengewobenen Sagenfäden, die von exilischer und dann noch einmal von nachexilischer Hand neu geknüpft wurden. Bei den Mosebüchern läßt sich der Vorgang also etwa durch die Formel ausdrücken: (JED + D)P + P. Diese sind etwas Ähnliches wie die Evangelienharmonie, die Tatian um 170 nach Christus für seine syrischen Landsleute herstellte: ein »Diatessaron« aus vier Quellenschriften. Die Enggeistigkeit und Wortvergötterung der Bearbeiter brachte es nicht über sich, die heilige Überlieferung in ihrer Freiheit und Fülle zu erhalten und, wie das Neue Testament, vier frohe Botschaften und Heilandsleben, vier Gesetzesbotschaften und Leben Mosis nebeneinander stehenzulassen. Dafür ist jahrhundertelang geschnitten, geklebt und retuschiert worden. Besonders P hat in seinen Einlegungen und Auslegungen eine große Dreistigkeit entwickelt, ohne daß man, im antiken Sinne, geradezu von Fälschung sprechen könnte, sondern eher von einer Art »Darstellung aus dem Gesichtspunkt der neuesten Forschung«, eben des P.

Im Exil entstand auch das große Geschichtswerk mit deuteronomistischer Tendenz, das im Kanon die zwei Samuelisbücher und die zwei Königsbücher füllt. Die letzteren erzählen die Königsgeschichte vom Ende Davids bis zum Untergang des 492 jüdischen Staats, die ersteren die Entstehung des Königtums und die Geschichte der beiden ersten Könige, als ihr Verfasser gilt Samuel. Neben Material aus königlichen Annalen und Tempelchroniken ist reicher Stoff aus volkstümlicher Überlieferung verarbeitet: Sagen, Anekdoten, Prophetenleben. An Dubletten, widersprechenden Auffassungen und Berichten fehlt es auch diesen Teilen der Bibel nicht; so heißt es zum Beispiel abwechselnd: Jahwe sei der alleinige König von Israel und: das irdische Königtum sei eine Stiftung Jahwes durch Samuel, und einmal, Saul habe durch Selbstmord, ein andermal, er habe durch einen Amalekiter den Tod gefunden. Die jüngsten historischen Teile des Alten Testaments sind die beiden Bücher der Chronika und die Bücher Esra und Nehemia, die um 300 vor Christus entstanden. Die ersteren decken sich im großen und ganzen mit dem Stoff der Bücher Samuelis und der Könige: Sie reichen von den Anfängen Davids bis zum Ende des Exils, und die griechische Bibel bezeichnet er sehr zutreffend als Paraleipomena, da sie, was in jenen Büchern übergangen wurde, ergänzen und nachtragen. Sie sind eine Art Midrasch: erweiternde und erläuternde Schriftbehandlung, und zugleich eine antiisraelitische Umwertung der biblischen Geschichte: »der Herr ist nicht mit Israel«. Daher ist David, der erste König aus dem Hause Juda, am eingehendsten und liebevollsten geschildert, als Ideal eines Fürsten, wie der Klerikalismus jener Spätzeit sich ihn dachte: Er ist weniger Reichsgründer als Tempelstifter, weniger Kriegsheld als Vorsänger. Es herrscht ganz der Standpunkt der Priesterschaft: hatte sich in den Königsbüchern die Weltgeschichte in Kirchengeschichte verfärbt, so wandelt sich hier die Kirchengeschichte in Kultusgeschichte. Der Gang der Ereignisse wird bestimmt durch einen starren Mechanismus der Vergeltung, der in peinlicher Buchführung materielle Leistungen mit materiellen Gütern belohnt. Grobe Wunder, Riesenzahlen und endlose Stammbäume vollendeten 493 das Bild einer völlig veräußerlichten Religiosität. Die Bücher Esra und Nehemia erzählen als Fortsetzung die Wiederherstellung der Gemeinde und des Kultus unter Serubabel, Esra und Nehemia. Von den beiden Reformatoren wird bald in der dritten Person geredet, bald sprechen sie in Ichform: Es scheinen also zum Teil persönliche Memoiren vorzuliegen oder doch benutzt worden zu sein. Stil und Auffassung erinnern auffallend an die Bücher der Chronika, und in der Tat ist der Verfasser oder Redaktor der Chronist.

Wir gelangen somit zu folgender Übersicht:

Die historischen Bücher des AT:
Alte Lieder (Debora) und Sagen (Gideon) nach 1000
Jahwist (J) um 850
Elohist (E1 und E2) nach 750
Das jehovistische Geschichtswerk (JE) um 650
Bundesbuch des Königs Josia: D 621
Deuteronomistische Bearbeitung von Mos, Jos, Ri, Sam, Kön um 550
Gesetzbuch des zweiten Tempels: P (Leviticus mit Exodus ab Kap. 25 und Numeri bis Kap. 10) 444
Bearbeitung von Mos im Sinne von P nach 450
Chronika; Esra und Nehemia um 300
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