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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 237
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Deuteronomist

Der Deuteronomist nähert sich bereits dem Stil der späteren jüdischen Frömmigkeit. Sein Ton ist eifernd, salbungsvoll und klerikal: der Gegensatz zwischen Priester und Laie, Staat und Kirche kündigt sich an; und er lehrt eine Buchreligion des »Es steht geschrieben«: wer es befolgt, hat Gott Genüge getan, und nur wer es befolgt. Er verbietet zum erstenmal mit voller Deutlichkeit die Bilder, die Höhenopfer, die Mischehen, dagegen gestattet er die Ausbeutung Andersgläubiger: »Von dem Fremden magst du Wucher nehmen, aber nicht von deinem Bruder.« Andrerseits heißt es: »Du sollst das Recht des Fremdlings und des Waisen nicht beugen, denn du sollst gedenken, daß du Knecht in Ägypten gewesen bist«, und besonders bemerkenswert ist das Zartgefühl des Gebots: »Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast, so sollst du nicht umkehren; wenn du deine Ölbäume geschüttelt hast, so sollst du nicht nachschütteln; wenn du deinen Weinberg gelesen hast, so sollst du nicht nachlesen; es soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein.« Dasselbe befiehlt die Priesterschrift: 489 »Wenn du dein Land einerntest, sollst du nicht alles bis an die Enden umher abschneiden, noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen«, ja sie lehrt geradezu: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Doch darf man diese Vorschriften nicht mißverstehen. Unter »Fremdlingen« sind immer nur Schutzfremde gemeint, die im Lande lebten, zur Gemeinschaft gezählt wurden und sogar als Hospitanten am Gottesdienst teilnehmen durften; und wie das Gebot der Nächstenliebe zu deuten ist, zeigt der Satz, der ihm vorhergeht: »Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks«: es meint wirklich den Nächsten, den Blutsverwandten und Stammesgenossen; eine andere Nächstenliebe haben das Judentum und die ganze Antike nicht gekannt. Deshalb sagt Nietzsches Zarathustra mit Recht: »Rate ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rate ich zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe! . . . Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen.« Nur hat sich diese Polemik in der Adresse geirrt: sie war an das Alte Testament zu richten und nicht an das Neue. Denn gerade diese Fernstenliebe meint ja das Evangelium! Es befiehlt, Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern, dazu das eigene Leben zu hassen, und setzt Menschenliebe gegen Nachbarliebe, Liebe zum himmlischen Vater gegen Liebe zum irdischen, Liebe zu allen Brüdern gegen Liebe zu den leiblichen, Liebe zu jeglichem Gottessamen gegen Liebe zum eigenen Samen. Die mosaische Nächstenliebe hingegen ist bestenfalls Philanthropie.

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