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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 235
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Jahwist

Die Erzählungen des Jahwisten werden ziemlich allgemein in die Mitte des neunten Jahrhunderts datiert, sekundäre Stücke (J2, J3, J4) um ein oder zwei Generationen später. Sie tragen einen streng archaischen Charakter von herbem Reiz und gedrungener Kraft: Sie sind erfüllt von der düsteren Monumentalität urtümlicher Zustände. Gott ist noch ganz anthropomorph gedacht: wenn er Kummer empfindet, dreht sich ihm das Herz um, wenn er ungeduldig ist, geht sein Atem kurz, wenn er zürnt, entbrennt seine Nase, er debattiert mit seinen Geschöpfen, lustwandelt in der Abendkühle, ja schläft sogar. Renan nennt die Methode des Jahwisten »doppeltsehend«: bei 487 zwei Versionen entscheidet er sich für beide; so ist zum Beispiel der Paradiesesbaum für ihn sowohl der Baum des Lebens wie der Erkenntnis. Von ihm stammen die schönen Mythen von der Schöpfung, dem Sündenfall, der Sintflut, dem Turmbau zu Babel. In ihnen ist Jahwe noch der Gott aller Menschen, und sie sind sämtlich babylonischen Ursprungs. Doch finden sich einige bemerkenswerte Abweichungen. Die Schöpfungsgeschichte ist von wundervoller Klarheit und Einfachheit und hat sich von dem wüsten Schlinggewächs der babylonischen Mythologie vollständig befreit; die Sintflutsage ist von einer ethischen Idee getragen, die dem Original fehlt, läßt aber dafür die Farbe des Erlebens vermissen, was ganz natürlich ist, denn sie kann unmöglich auf persönliche Erinnerungen zurückgehen; die Erzählung vom Turmbau enthält eine Spitze gegen das Unternehmen, die nicht gut babylonisch sein kann, und zugleich einen tieferen Sinn: sie ist der erste Fluch auf die erwachende Technik und der erste Versuch, die Vielsprachigkeit der Menschheit zu erklären. Auf den Mythus vom Sündenfall geht es zurück, wenn im Hebräischen der Beischlaf mit den Worten umschrieben wird: »und er erkannte sie«. Im Paradies gab es noch keine Sexualität; erst als Adam und Eva nach dem Genuß der verbotenen Frucht »erkannten«, daß sie nackt waren, erwachte in ihnen der Geschlechtstrieb. Auch erkannten sie, was Sünde sei, denn vorher waren sie, freilich in einem ganz anderen Sinne als dem nietzschischen, jenseits von Gut und Böse. Diese urtiefen Legenden hat der Erzähler in kindlicher Einfalt nachgestammelt; was an großartigen Spekulationen in ihnen schlummerte, verstand er nicht, und schon die Kanaanäer, von denen sie ihm zugetragen waren, hatten sie nicht verstanden.

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